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Präsidentenwahl in Frankreich : Zemmours düstere Zukunftsvision

„Ich habe die einzige Sprache gebraucht, die sie und ihre Antifa-Kameraden sofort verstehen: Die ihre“: Eric Zemmour über seinen gezeigten Stinkefinger. Bild: AFP

Eric Zemmour sieht Frankreich auf dem Weg zu einem „Dritte-Welt-Land“. Deshalb hat der rechtsextreme Publizist seine Präsidentschaftskandidatur erklärt. Doch er verliert wichtige Unterstützer – zu groß sind seine Skandale.

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          In einer Videoaufzeichnung hat der rechtsextreme Publizist Eric Zemmour am Dienstag seine Präsidentschaftskandidatur erklärt: „Wir haben eine Mission zu erfüllen“, sagte der 63 Jahre alte Politiker. Er wolle „Frankreich retten“, deshalb habe er sich dazu entschieden, bei der Präsidentenwahl im nächsten Frühjahr anzutreten. Das Land sei nicht mehr wiederzuerkennen, sagte er und verwies auf „Masseneinwanderung, die alle Probleme verschärft hat“. Frankreich sei „eine große Nation“ und „ein großes Volk“. Er wolle diese Nation vor dem Aussterben bewahren.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Den „Bevölkerungsaustauch“ bezeichnete Zemmour in seinem Kandidaturvideo als Realität. Die Eliten von links und rechts würden das Volk belügen. „Wir sind zu inneren Exilanten geworden“, sagte er. Er habe kein Vertrauen mehr in die wechselnden Regierungen, deshalb wolle er „unser Schicksal selbst in die Hand nehmen“. Zu seiner düsteren Bestandsaufnahme ließ Zemmour dramatische Musik und Videoausschnitte einspielen, die das Bild eines von fremdländisch aussehenden bevölkerten Landes vermitteln sollten. Zemmour bescheinigte Frankreich, sich zu einem „Dritte-Welt-Land“ zu entwickeln. Er las seine Erklärung ab und blickte immer wieder auf das Papier, ganz so, als könne er den Franzosen, zu denen er sprach, nicht in die Augen blicken.

          Mittlerweile wird das Video in Frankreich schon nicht mehr gezeigt, weil er keine Bildrechte für bestimmte Videoausschnitte hatte.

          Eric Zemmour während seiner Video-Ansprache, sein Blick oftmals auf dem Papier
          Eric Zemmour während seiner Video-Ansprache, sein Blick oftmals auf dem Papier : Bild: AFP

          Der frühere „Le Figaro“-Journalist war in den vergangenen Tagen vor allem durch Auftritte aufgefallen, die Zweifel an seiner Eignung zum Präsidenten nährten. In Marseille war er sichtlich irritiert über die Proteste, die sein Besuch hervorrief. Als er in seinen Wagen stieg, zeigte ihm eine Passantin spontan den Stinkefinger. Zemmour antwortete vor laufenden Kameras mit der gleichen abfälligen Geste und fügte hinzu: „Und tief hinein.“ Im Hintergrund kicherte seine junge Kampagnendirektorin Sarah Knafo, die laut Recherchen des Hochglanzmagazins „Closer“ ein Kind von ihm erwartet.

          Jean-Marie Le Pen unterstützt nun doch seine Tochter

          „Ich habe die einzige Sprache gebraucht, die sie und ihre Antifa-Kameraden sofort verstehen: Die ihre“, rechtfertigte Zemmour sich hinterher auf Twitter. „Doch es war sehr unelegant“, fügte er hinzu. Der lange zu seinen Anhängern zählende Bürgermeister von Béziers, Robert Ménard, kommentierte, Zemmour habe die gleichen Verhaltensweisen wie das „Gesindel“, das er rund um die Uhr beklage. Seine Beschreibungen seien furchterregend: „Man kann ja nicht nur Frankreich lieben, sondern muss auch die Franzosen mögen“, sagte Ménard.

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          Kurz vor der Kandidaturerklärung sagte Marine Le Pen, dass sie Zemmours Beitrag im Wahlkampf überflüssig finde. „Ich wünschte mir, er würde nicht antreten“, sagte sie im Radiosender SudRadio am Dienstag. „Zemmour ist ein Polemiker, aber kein Präsidentschaftskandidat“, sagte sie. Ihr Vater Jean-Marie Le Pen, der ursprünglich angekündigt hatte, für Zemmour stimmen zu wollen, hat nun eine Kehrtwende vollzogen. Er sagte, Zemmour habe nicht „die Statur“ eines Präsidenten und sein Verhalten sei nicht das eines künftigen Staatschefs. Zemmour habe seine Wahlchancen vernichtet, als er vor dem Konzertsaal Bataclan den damaligen Staatschef Francois Hollande der Schuld an dem schweren Terroranschlag bezichtigte, sagte Le Pen. Der Auftritt hatte Empörung ausgelöst.

          Einer von Zemmours größten Geldgebern, der Millionär Charles Gave, zog seine Unterstützung zurück. Der rechtsnationale Politiker Philippe de Villiers kündigte an, nicht bei Zemmours erster großer Wahlkundgebung am Sonntag in Paris reden zu wollen. Villiers sagte, er sei dann beim historischen Freizeitpark in Toledo, der seinem Heldenpark im Puy du Fou nachgeahmt ist.

          In den jüngsten Umfragen sieht es so aus, als habe Zemmour seinen Zenit bereits überschritten. Das Umfrageinstitut Harris Interactive ermittelte, dass er aktuell mit 13 Prozent der Stimmen rechnen könne. Damit läge er hinter Marine Le Pen, die auf 20 Prozent kommt.

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