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Präsidentenwahl in Frankreich : Biedermann statt „DSK“

Der „normale Kandidat”: François Hollande Bild: AFP

François Hollande - früher als harmoniesüchtig und harmlos verspottet - ist seit der Festnahme Dominique Strauss-Kahns unverhofft zum Favoriten der Sozialisten für die Präsidentschaftskandidatur geworden.

          Als er sich das erste Mal als „normaler Kandidat“ vorstellte, kicherten noch viele. Machte François Hollande wieder einen seiner berühmten Scherze, mit denen der frühere sozialistische Parteivorsitzende (1997-2008) so manche quälende Parteisitzung gerettet hatte? „Normal“ hatte bislang noch kein Präsidentschaftskandidat in Frankreich sein wollen. Aber genau das versprach der 56 Jahre alte Arztsohn aus der Normandie, als er vor mehreren Wochen seine Kandidatur für die sozialistischen Vorwahlen erklärte.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Jetzt wird Hollande für seine frühe Eingebung belohnt, dass sich die Partei nach einem Kandidaten ohne Schlagzeilen sehnen könnte. Nach dem Abgang Dominique Strauss-Kahns in Handschellen von der Parteibühne fliegen dem bisherigen „Outsider“ Hollande die Sympathien zu. Nach einer jüngsten Umfrage liegt er bei den sozialistischen Vorwahlen im Herbst sicher auf dem ersten Platz. 49 Prozent der Linkswähler wollen nach einer Umfrage von „Opinionway“ für ihn stimmen. Die Parteivorsitzende Martine Aubry käme auf 27 Prozent, Hollandes frühere Lebensgefährtin Ségolène Royal auf zwölf Prozent.

          „Ich habe immer gesagt, dass Hollande ein hervorragender Präsidentschaftskandidat für die Sozialisten wäre“, sagt Jacques Attali, der Sonderberater des letzten sozialistischen Präsidenten Francois Mitterrand. Im Büro Attalis begann Hollandes politische Karriere: als Redenschreiber des Präsidenten, der den humorvollen Apparatschik von der Eliteschmiede Ena nach Kräften förderte. Ein Ministeramt blieb dem jovialen, rundlichen Mann von Ségolène Royal jedoch verwehrt. An der Parteispitze agierte er als geschickter Moderator, der wie ein Therapeut zu beruhigen verstand, als 2002 die Präsidentenwahlen schamhaft verloren gingen.

          Hollande, die „Walderdbeere“

          Selbst den parteiinternen Bruch über den europäischen Verfassungsvertrag versuchte er zu kitten. Doch das Harmoniebedürfnis Hollandes fiel den Genossen irgendwann auf den Wecker. Dominique Strauss-Kahn kritisierte seinen „Einmütigkeitsfimmel“. Laurent Fabius spottete über die „Walderdbeere“ (Hollande neigt dazu, rot anzulaufen), die im politischen Kampf sofort gefressen werde. In den sozialistischen Vorwahlen 2006 überließ Hollande der ehrgeizigen Mutter seiner vier Kinder den Vorrang. Doch seit Ségolène Royal ihn 2007 aus Zorn über seine Untreue vor laufenden Kameras verbal vor die Tür setzte, hat Hollande sich verändert.

          Er arbeitete hart an seinem Profil. Unter Aufsicht seiner neuen Lebensgefährtin, der Journalistin Valérie Trierweiler, änderte er Anzug- und Brillenmodell und speckte mehr als 25 Kilogramm ab. Der einst so joviale Witzeonkel gewann an politischem Biss. Zugleich betonte er seine Bodenständigkeit. Als biederer und ernsthafter Kandidat tourt er seit einem Monat kreuz und quer durch Frankreich. Diese Heimatstrategie war eigentlich auf den flamboyanten, polyglotten „DSK“ ausgerichtet, von dem er sich im Stil abheben wollte. Inhaltlich lagen sie nahe beieinander, beide Vertreter eines moderaten, sozialdemokratischen Kurses.

          Martine Aubry zaudert noch immer

          Nun aber steht Hollande urplötzlich als Favorit dar - zumal die „legitime“ Kandidatin, die Parteivorsitzende Martine Aubry, noch immer zaudert. Die Tochter des Kandidaturverweigerers Jacques Delors wirkt weiterhin so, als müsse sie zu einer Kandidatur gezwungen werden. Bei ihren jüngsten öffentlichen Auftritten in Bordeaux und Toulouse beklagte sie das Schicksal von „DSK“ so rührselig, dass der Verdacht aufkam, sie müsse im überbordenden Gram auch ihr eigenes Entsetzen über die an sie gerichteten Erwartungen verbergen. Parteisprecher Benoit Hamon mahnte, sie müsse sich schon aus Pflichtbewusstsein bewerben.

          Hollandes neue Favoritenrolle behagt aber auch Präsident Sarkozy nicht. Denn der mondäne „DSK“ galt ihm als Garant dafür, dass ihn die Linke während des Wahlkampfes nicht als „Präsident der Reichen“ angreifen würde. Von Hollande, der die Sorgen der Mittelklasse verkörpern will, kann er dergleichen Rücksichtnahme nicht erwarten. Der neue sozialistische Favorit hat am Donnerstag den Rücktritt Strauss-Kahns von der IMF-Generaldirektion nicht kommentiert. „Der Rücktritt ist keine Überraschung, sondern eine logische Folge des Justizprozesses“, sagte Parteisprecher Benoit Hamon.

          Der sozialistische Europaabgeordnete Harlem Désir forderte Präsident Sarkozy auf, sich für eine Freilassung Strauss-Kahns einzusetzen, wie er dies für die in Mexiko inhaftierte Französin Florence Cassez auch getan habe. „Er muss Strauss-Kahn helfen, seine Unschuld zu beweisen“, sagte Désir. „Die Bereitschaft Strauss-Kahns, sich gegen die Vorwürfe zu verteidigen, beruhigt uns“, sagte der sozialistische Abgeordnete Jean-Christophe Cambadélis.

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