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Präsidentenwahl : Chile stimmt für radikale Kandidaten

Anhänger des Kandidaten Jose Antonio Kast feiern das Wahlergebnis. Bild: Esteban Felix/AP

Jahrzehnte gemäßigter Politik in Chile scheinen vorbei: In der Stichwahl ums Präsidentenamt werden sich ein rechter Bolsonaro- und Pinochet-Sympathisant und ein linker früherer Studentenführer gegenüberstehen. Mehrere Krisen machen dem Land zu schaffen.

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          Wie sehr sich Chile verändert hat, hätten die Präsidenten- und Parlamentswahlen am Sonntag kaum deutlicher zeigen können. Zum ersten Mal seit der abermaligen Demokratisierung des Landes nach der Militärdiktatur wird der künftige Präsident nicht einer der traditionellen Mitte-Links- und Mitte-Rechts-Parteien angehören. Das steht bereits nach dem ersten Wahlgang fest.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Mit dem 55 Jahre alten deutschstämmigen Anwalt José Antonio Kast von der Republikanischen Partei erzielte ein Kandidat vom rechten Rand das beste Wahlergebnis. Kast kam bei der Wahl am Sonntag auf 27,91 Prozent der Stimmen, wie das Wahlamt mitteilte. Er wird in der Stichwahl am 19. Dezember auf den früheren Studentenführer Gabriel Boric vom neuen Linksbündnis treffen, dessen Stimmenanteil bei 25,83 Prozent lag.

          Der Erfolg der beiden Kandidaten von den politischen Rändern macht deutlich, wie sehr die Mitte-Parteien an Boden verloren haben. Auch dass mit dem liberalen Franco Parisi ein Kandidat einer bislang unbedeutenden politischen Bewegung mit einem aus den Vereinigten Staaten geführten Wahlkampf auf dem dritten Platz landete, verdeutlicht die Entfremdung der Chilenen von den traditionellen Parteien. Auch bei der Parlamentswahl mussten die zentrumsnahen Parteien Verluste einstecken. Die neue Repubikanische Partei von Kast holte auf Anhieb 15 der 155 Sitze im Abgeordnetenhaus.

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          Boric hatte in den Umfragen lange in Führung gelegen. Er gilt als der Vertreter einer vorwiegend jungen Wählerschaft und als Sprachrohr einer vor zwei Jahren entstandenen Protestbewegung. Diese fordert mehr Sozialstaat und deren unaufhörlicher Druck hat zur Wahl eines Verfassungskonvents geführt, der derzeit eine neue Verfassung ausarbeitet. Die Proteste brachten die große Unzufriedenheit vieler Chilenen mit der konservativen Regierung und dem liberalen Wirtschaftsmodell an die Oberfläche, das in der aktuellen Verfassung aus der Zeit der Pinochet-Diktatur verankert ist. Diese Unzufriedenheit hatte die Kandidatur von Boric lange Zeit getragen.

          Kast, der ein Sympathisant der Pinochet-Diktatur ist und besonders Stark in den ländlichen Regionen außerhalb der Hauptstadt Santiago des Landes abschnitt, vertritt eine Politik der harten Hand gegenüber der Einwanderung und macht mit Themen wie Gewalt und Kriminalität Stimmung. „Heute haben diejenigen zu verlieren begonnen, die wollen, dass der Staat alles regelt und uns die Freiheit nimmt“, sagte Kast nach der Wahl. Die gleichgeschlechtliche Ehe und Abtreibung lehnt er ab. In seiner Kampagne schlug er jedoch einen zunehmend gemäßigteren Ton ein. Er gilt mit Blick auf das Gesamtresultat als Favorit für die Stichwahl.

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