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Frankreich : Präsident Macron besucht Algerien – die Presse darf nicht mit

Der französische Präsident Emmanuel Macron besucht den jüdischen Bereich auf dem Bologhine Friedhof in Algier (Archivaufnahme vom Februar). Bild: dpa

Macron will das Verhältnis zwischen Frankreich und Algerien aus der von Kolonialisierung und Krieg geprägten bitteren Selbstbeschau herausführen. Das algerische Regime scheint zu diesem Aufbruch nicht bereit. Mehreren französischen Journalisten wurde die Einreise verweigert.

          Als Erneuerer will Emmanuel Macron an diesem Mittwoch seinen Antrittsbesuch in Algerien bestreiten. Der 15 Jahre nach Ende des Algerien-Kriegs geborene Präsident strebe an, eine neue Seite in der französisch-algerischen Geschichte aufzuschlagen, heißt es im Elysée-Palast. So plane Macron, das Verhältnis aus der von Kolonialisierung und Krieg geprägten bitteren Selbstbeschau herauszuführen. Der 39 Jahre alte Präsident glaubt, dass er als Repräsentant einer neuen Generation die festgefahrene Debatte über Schuld und Sühne beenden kann. Doch noch sieht es nicht danach aus, dass das Regime des früheren Unabhängigkeitskämpfers Abd al Aziz Bouteflika zu einem derartigen Aufbruch bereit wäre. Mehreren französischen Journalisten, darunter den Berichterstattern von „Le Monde“, „Le Figaro“ und „Mediapart“, wurden die Einreisevisa verweigert, es war unklar, ob Algier noch nachgeben würde. Der neue Vorsitzende von Macrons Bewegung La République en marche, Christophe Castaner, bezeichnete diese Presse-Schikane als „beunruhigend“. Aber auch ansonsten scheint das französisch-algerische Verhältnis nicht so „gut, eng und konstant“, wie es im Elysée-Palast verlautete.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Französische Algerien-Fachleute wie der Historiker Benjamin Stora sprechen über Algerien als „längste Mittelmeergrenze Frankreichs“ und deuten damit an, wovor sich das Land wirklich fürchtet: dass im Fall eines Zerfalls des moribunden Regimes um den 80 Jahre alten Bouteflika eine unkontrollierbare Migrationswelle bevorsteht. Die Mittelmeerküste Algeriens ist mehr als 1600 Kilometer lang. Macron will sich bei seinem Kurzbesuch offensichtlich auch ein persönliches Bild davon verschaffen, wie die Nachfolgefrage geklärt werden könnte. Bouteflika ist seit einem Schlaganfall 2013 sehr geschwächt und zeigt sich kaum noch in der Öffentlichkeit. Der Elysée-Palast spricht wohl auch deshalb nicht von einem geplanten Gespräch zwischen Macron und Bouteflika, sondern von einer „Audienz“ im Präsidentenpalast in Algier.

          Erwartungen an eine große Versöhnungsgeste Macrons an die Algerier wurden in Paris gedämpft. Während des Wahlkampfes hatte Macron im Februar in einem Gespräch mit dem algerischen Fernsehen die französische Kolonialisierung „als Verbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, eine wahre Barbarei“ bezeichnet. Die deutlichen Worte hatten in Frankreich alte Wunden aufgerissen. Der Republikaner Gérald Darmanin etwa entrüstete sich, Macron „bespuckt die Grabsteine“ und „beleidigt Frankreich“. Heute gehört Darmanin der Regierung als Haushaltsminister an und begleitet den Präsidenten nach Algier. Darmanins Großvater Moussa Ouakid zählte zu den algerischen Eliteschützen, die in der französischen Armee eingesetzt worden waren.

          „Emmanuel Macron ist der erste französische Präsident, der keine persönliche Verbindung zu Algerien hat. Das ist ein Trumpf, den er einsetzen sollte, um neue Töne anzuschlagen“, sagte Historiker Stora, der ebenfalls zur französischen Delegation zählt. Geplant ist, über die Rückgabe der Totenschädel von algerischen Widerstandskämpfern Gespräche aufzunehmen, die im Musée de l’homme in Paris aufbewahrt werden. 1849 hatte ein französisches Expeditionskorps die Belagerung der Wüstenstadt Zaatcha mit einem Blutbad beendet. Alle Bewohner wurden getötet. Die algerischen Kämpfer, die Widerstand leisteten, wurden exekutiert und ihre Köpfe in Biskra zu Abschreckungszwecken zur Schau gestellt. Wann genau diese Schädel nach Paris gelangten, ist unklar. Ein Dutzend französischer Historiker hat kürzlich eine Petition unterzeichnet, mit der verlangt wird, die Totenschädel an Algerien zurückzugeben.

          Macron strebt zudem an, die Sicherheitskooperation mit Algerien zu verbessern. Zum Ärger der Franzosen kooperiert Algier nur schlecht mit der im Februar 2014 begründeten Gruppe G5-Sahel. Mauretanien, Mali, Niger, Burkina Faso und Tschad haben sich in dieser Sahel-Allianz zusammengeschlossen, um gemeinsam gegen islamistische Terrorgruppen zu kämpfen. Ein bedeutender Teil der islamistischen Terrorchefs stammt aus Algerien. Auch deshalb will Macron darum werben, dass sich das algerische Regime stärker am gemeinsamen Anti-Terror-Kampf beteiligt. Ziel Macrons ist es auch, die französischen Investitionen in Algerien zu verbessern. Französische Unternehmen stehen in klarer Konkurrenz zu chinesischen. Der gesamte Bausektor ist fest in chinesischer Hand, so wurde etwa auch der Prestigebau der neuen Großen Moschee von Algier einer chinesischen Baufirma überlassen. Große Geschäftsabschlüsse sind nicht zu erwarten, aber Paris kündigt bereits an, dass auf diesen Antrittsbesuch eine längere Staatsvisite folgen werde.

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