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Polnischer Präsidentenstreit : Walesa und seine Feinde

Walesa und Kaczynski: Streit über alte Zeiten Bild: AP / REUTERS / Montage:FAZ.NET

Kaczynski gegen Walesa: Der aktuelle wirft dem ehemaligen Präsidenten vor, ein kommunistischer Spitzel gewesen zu sein. Der Streit ist nicht neu, doch treibt er nach wie vor in Polen alles auf die Barrikaden, was Rang und Namen hat.

          Zwei Präsidenten giften sich an: Lech Walesa, der legendäre Führer der antikommunistischen Gewerkschaft „Solidarno“ zur Zeit der Diktatur und ab 1990 das erste frei gewählte Staatsoberhaupt des demokratischen Polen, habe sich nach dem Systemwechsel an die Spitze von „postkommunistischen“ Eliten gestellt - sagt der nationalkonservative Präsident Lech Kaczynski. „Kaczynski ist in seiner Feigheit nicht imstande, überhaupt an der Spitze irgendwelcher Eliten zu stehen“, antwortet Walesa.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der in Interviews ausgetragene präsidiale Austausch von Artigkeiten ist der bisherige Höhepunkt eines eigentlich alten Streites, der in diesen Tagen in Polen die Gemüter erhitzt. Anlass der Wortgefechte ist ein Buch, das noch gar nicht erschienen ist: Eine Arbeit der Historiker Slawomir Cenckiewicz und Piotr Gontarczyk, die aufgrund von Akten des kommunistischen Staatssicherheitsdienstes SB beweisen wollen, dass Walesa in Wahrheit kein Widerstandskämpfer gewesen sei, sondern ein kommunistischer Einflussagent - ein Spitzel mit dem Decknamen „Bolek“, der es schließlich bis an die Spitze der Opposition gebracht habe.

          Bis zum Schluss erpressbar

          Im nationalkonservativen Lager wird diese Darstellung als schlüssig betrachtet. Andrzej Zybertowicz, ein Berater Präsident Kaczynskis, hat nach der Vorab-Lektüre des Buchs wissen lassen, er sei „ohne Zögern und Zweifeln“ der Ansicht, dass Walesa in seinen jungen Jahren, also noch vor der Entstehung der „Solidarno“, Spitzel gewesen sei. Er habe seine Zusammenarbeit mit dem SB zwar schon 1976 beendet, „aber nicht vollständig“, so dass er bis zum Schluss erpressbar geblieben sei.

          Diese Behauptung ist nicht neu. Schon während des historischen Streiks auf der Danziger Lenin-Werft im August 1980 war vom ersten Tag an in bestimmten Oppositionskreisen die Erzählung im Umlauf, Walesa sei nicht etwa, wie er selbst berichtet, „über die Mauer“ auf das besetzte Werftgelände gekommen, um sich den streikenden Arbeitern anzuschließen, sondern der Geheimdienst habe ihn heimlich in einem Boot angelandet, damit er im Auftrag der Kommunisten die Führung der Bewegung übernehme.

          „Und dann habe ich unterschrieben“

          Aus der Sicht Walesas ist diese immer wieder kolportierte Geschichte ein Ergebnis kommunistischer Lügenpropaganda. Mitarbeiter des „Walesa-Instituts“ in Warschau nennen als Beleg einen maschinengeschriebenen internen „Plan“ des Geheimdienstes aus dem Jahr 1985, der ausdrücklich vorsieht, Walesas Mitstreiter davon zu überzeugen, dass ihr Anführer „mit dem SB zusammenarbeitet“.

          Schon 1982, als Walesa zum ersten Mal als Kandidat für den Friedensnobelpreis galt, habe der SB der norwegischen Botschaft gefälschte Unterlagen zugespielt, die ihn als Spitzel diskreditieren sollten. Walesa habe den Preis deswegen erst ein Jahr später erhalten. Das „Institut der Nationalen Erinnerung“, das in Polen die Geheimdienstakten verwahrt und prüft, hat Walesa auch wegen solcher erwiesener Zersetzungsmaßnahmen im Jahr 2005 den Status eines „Geschädigten“ der Diktatur zuerkannt.

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