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Straßenschlachten in Hongkong : Polizei droht erstmals mit Einsatz von „scharfer Munition“

Anders ausgedrückt: Die Polizei ist in ihrem Handeln keinerlei Kontrolle mehr unterworfen. Sie lehnt eine unabhängige Untersuchung eigener Gesetzesverstöße ab, wie sie von den Aktivisten und einem Großteil der Bevölkerung gefordert wird. Dabei hält selbst der pekingfreundliche Abgeordnete Cheung eine solche Untersuchung für sinnvoll. Er glaubt, Regierungschefin Carrie Lam müsse der Bevölkerung versprechen, dass das polizeiliche Vorgehen von unabhängiger Stelle untersucht werde, sobald die Unruhen beendet seien. Danach sieht es vorerst nicht aus.

An der Polytechnischen Universität wiederholte sich am Sonntag nur, was sich zuvor schon an der Chinese University abgespielt hatte. Erst am Freitagabend hatten sich dort die letzten Besatzer vom Hochschulgelände zurückgezogen. Auf der Zufahrtsstraße zum Campus, der spektakulär auf einem Hügel über der Stadt liegt, stauten sich die Autos. Dutzende Hongkonger hatten sich auf den Weg gemacht, um den abziehenden Kämpfern ihre Fahrdienste anzubieten. An dem Stau ließ sich ablesen, wie groß trotz der radikalen Methoden die Unterstützung für die Aktivisten in der Bevölkerung ist.

„Sie haben keine Wahl“

Unter den Fahrern war auch ein Ehepaar, das anonym bleiben möchte. Die Frau arbeitet als Teamleiterin in der PR-Branche und der Mann in der Unterhaltungsindustrie. Jeden Abend nach der Arbeit setzen sie sich in ihren BMW Sedan und fahren Aktivisten nach Hause. „Elternautos“ werden solche Dienste in Hongkong genannt. „Wir glauben, dass wir die Kinder unterstützen sollten“, sagte der Mann. Dass „die Kinder“ Brandsätze werfen und mit Pfeil und Bogen auf Polizisten schießen, hält ihn nicht davon ab. „Sie haben keine Wahl“, sagte er. „Die Regierung hat entschieden, statt Politik Gewalt einzusetzen.“ Die Polizei halte sich nicht mehr an Gesetze. „Die sogenannte Gewalt der Protestierenden besteht nur darin, Brandbomben auf die Straße zu werfen, um den Vormarsch der Polizei hinauszuzögern.“

Gegen die Polizei gebe es hingegen Vergewaltigungsvorwürfe. Der Mann verweist zudem auf Suizide, über die Verschwörungstheorien in den sozialen Netzwerken kursieren. Da es kein Vertrauen mehr in die Angaben der Regierung gibt, werden selbst die wildesten Gerüchte ungeprüft verbreitet. Die PR-Frau glaubt, die Aktivisten hätten schon viel erreicht. „Sie haben den Hongkongern die Augen dafür geöffnet, dass das System durch und durch verrottet ist.“ Selbst wenn ihr Kampf diesmal keinen Erfolg zeige, so werde jede folgende Protestbewegung in den kommenden Jahren immer stärker werden.

Nördlich der Universität versammelte sich am Sonntag eine Gruppe Demonstranten, um eine Straße zu sperren. Ihr Ziel war es, die Kräfte der Polizei zu binden. Kriegstaktiken dieser Art sind inzwischen Allgemeingut in Hongkong. Längere Zeit schauten sich die Polizisten das Treiben von einer Brücke aus an. Plötzlich schwärmten sie aus und schlugen mit ihren Schlagstöcken auf jeden ein, den sie zu fassen bekamen; so auch ein junges Mädchen. Sie rief laut ihren Namen, damit die Umstehenden ihre Eltern informierten. Die Polizisten reagierten mit Hohn – und übertönten ihre Rufe.

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