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Gewalt in Großbritannien : Insel des Hasses

Jeder gegen jeden: Ein Polizist hält einen Protestanten von einem Gegner fern. Bild: AFP

Großbritannien ist das Land mit den meisten Hassverbrechen in Europa. Die Leute sind dort aber gar nicht schlimmer als anderswo. Spielen Polizei und Staatsanwaltschaft ihr eigenes Spiel?

          Ende Juni, nach dem Brexit-Votum, schoss die Zahl der „Hassverbrechen“ in die Höhe, und nicht nur die Briten waren bestürzt. Flugblätter, auf denen Osteuropäer als „Ungeziefer“ bezeichnet wurden, tauchten auf. Fotografen dokumentierten Schmierereien an einer polnischen Begegnungsstätte. Selbst Schlägereien mit Todesfolge wurden mit dem Referendumsergebnis in Verbindung gebracht. Längst hat sich die Zahl der „Hate Crimes“ wieder auf Normalmaß eingepegelt, aber ein Grund zum Aufatmen kann das kaum sein. Ausweislich der offiziellen Statistik werden Tag für Tag mehr als 170 Hassverbrechen registriert. Das sind, wie die Polizei unlängst festhielt, fast hundertmal mehr als in Italien und etwa zehnmal mehr als in den Vereinigten Staaten. Was ist da los auf der Insel?

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          So mancher Brite reibt sich die Augen, denn das Königreich kennt keine Konflikte, wie sie Amerika zwischen weißen Polizisten und schwarzen Bürgern erlebt. Keine Untergrundgruppe wie die NSU hat in Britannien Einwanderer ermordet, auch brennen auf der Insel keine Flüchtlingsheime. Die Bedrohung durch gewaltbereite Rassisten ist in der Wahrnehmung der meisten Briten eher gesunken. Rechtsradikale Gruppierungen wie die English Defence League oder die British National Party sind ein Schatten dessen, was sie vor einigen Jahren gewesen sind. Und in London wurde in diesem Sommer ein frommer Muslim zum Bürgermeister gewählt. Woher kommen also die schockierenden Zahlen? Und warum regen sie niemanden mehr auf? Wo sind die Pressekonferenzen, wo die Sondersendungen im Fernsehen, wo die Ermittlungsberichte, wo die Gerichtsprozesse? Vor allem: Wo sind die Täter?

          Einer von ihnen sitzt in einer Kneipe im feinen Londoner Stadtteil Hampstead und wirkt eigentlich ganz friedlich. Eben kam er aus seiner Wohnung rübergeschlappt, nach dem Treffen wird er zur BBC fahren und eine Sendung moderieren. „Gucken Sie mich ruhig genau an“, sagt Kevin O’Sullivan und lacht ein bisschen bitter. „So sieht ein Hassverbrecher aus.“ Ein gerichtlich freigesprochener Hassverbrecher, sollte man ergänzen, auch wenn seine „Tat“ nach wie vor in der Polizeistatistik geführt wird.

          Die Auswirkungen eines „kleinen“ Disputs im Zug

          Das „Hassverbrechen“, dessen er angeklagt war, geschah vor zwei Jahren in einem Zug, als O’Sullivan von einem Begräbnis in Kent zurück nach London reiste. Ein Freund saß neben ihm, man unterhielt sich. Plötzlich erhob sich ein Mann, der schräg gegenüber saß, und rief: „Halten Sie den Mund!“ Für alle Passagiere vernehmlich beschuldigte der Fremde O’Sullivan frauenfeindlicher Äußerungen. O’Sullivan erinnert sich, dass er tatsächlich wenig vornehme Worte benutzt hatte, allerdings in Zimmerlautstärke und auf einen gemeinsamen Bekannten gemünzt, einen Mann. Kurz wurde es laut, es kam zu einem Gerangel - „ich bin kein Schläger, und er war auch keiner“ - und bald hatte sich die Sache wieder beruhigt.

          Beim nächsten Halt stieg ein Beamter der Bahnpolizei zu, die von Unbeteiligten verständigt worden war. Er nahm die Sache zu Protokoll, nachdem er jeden einzeln nach dem Hergang befragt hatte. Sein Angebot, Anzeige zu erstatten, wurde von beiden Betroffenen abgelehnt. Die kleine Reise ging weiter und O’Sullivan begann, die Unannehmlichkeit zu vergessen.

          Ein paar Tage später lud ihn die Polizei zu einer Vernehmung vor. Wie später vor Gericht herauskam, war der aufgebrachte Fahrgast - ein Hochschuldozent - am Tag nach dem Vorfall von der Transportpolizei angerufen worden und, wie O’Sullivan das ausdrückt, „zu einer Anzeige ermuntert worden“. Überraschenderweise lautete der Vorwurf nun auf Schwulenfeindlichkeit. Der Hochschuldozent sagte aus, dass ihn O’Sullivan daran gehindert habe, sein Handy zu benutzen - angeblich mit dem Satz, er wolle doch nur seinen schwulen Anwalt anrufen. „Diese Anschuldigung hatte das Zeug, mein Leben zu ruinieren“, sagt O’Sullivan. „Im Falle eines Schuldspruchs wäre meine Karriere als Fernsehkritiker und Moderator beendet gewesen.“ Zum Glück, fügt er an, habe er sich gute Anwälte leisten können, auch wenn das Honorar, das sich nach eineinhalb Jahren auf 18.000 Euro summiert hatte, nicht so leicht zu verkraften sei.

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