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Polen zwischen Virus und Wahl : „Wir sind bestimmt nicht fremdenfeindlicher als andere“

„Warum stellen uns viele im Ausland als faschistische Hinterwäldler dar?“: Landrat Piotr (rechts) und sein älterer Kollege Marek Bild: Gerhard Gnauck

Diesen Sonntag wählt Polen einen neuen Präsidenten. Piotr und Marek sind in Dębica für die regierende PiS in der Kommunalpolitik aktiv. Sie finden, dass ihr Land in ausländischen Medien verzerrt dargestellt wird.

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          „Warum stellen uns viele im Ausland als faschistische Hinterwäldler dar?“ Landrat Piotr, 45 Jahre alt, studierter Politologe und Vater einer Tochter, empfindet die Berichterstattung über Polen und seine Regierung in vielen Medien verzerrt und ungerecht. „Fremdenfeindlichkeit und Hass gibt es in jeder Gesellschaft, nicht nur bei uns. Und wenn Sie Stadt und Kreis Dębica hier im Süden Polens nehmen: Hier gibt es Roma und auch mal dunkelhäutige Menschen, und wir leisten humanitäre Hilfe für unsere Partnerstadt in der Ukraine. Von dort sind viele Arbeitskräfte hier, in fast jeder Branche. Wir Polen sind bestimmt nicht fremdenfeindlicher als andere.“

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Auch das Thema LGBT sorgt für Verstimmung. Der Kreisrat von Dębica hat voriges Jahr, wie viele Körperschaften im konservativ gestimmten Südosten Polens, eine „Charta der Familienrechte“ verabschiedet. Kritiker sagten daraufhin, polnische Kommunen hätten sich zu schwulenfreien „Zonen“ erklärt. „Hier ist unsere Charta“, sagt Piotr und zeigt den fünf Seiten umfassenden Text. „Wir berufen uns auf die in der Verfassung festgeschrieben Werte. Die Worte LGBT oder homosexuell kommen in der Charta gar nicht vor.“ Damit hat er recht: Es geht in der Charta um die Förderung der „Familie, der Ehe als Bund von Mann und Frau, der Elternschaft und Mutterschaft, des Rechts der Eltern, ihre Kinder im Einklang mit ihren eigenen Überzeugungen zu erziehen“. Organisationen, die diese Werte verletzen, sollen keine öffentlichen Gelder bekommen.

          Aber der Landrat weiß auch, dass man in der Demokratie nie alle zufriedenstellen kann. „Das wollte angeblich der Sozialismus, aber wir haben ja gesehen, wie er gescheitert ist. Die Demokratie hat auch ihre Probleme. Manchmal liegen gesellschaftliche Interessen und die Arbeit der Behörden im Widerspruch zueinander.“ Piotr nennt ausländische Firmen wie Zinkpower und Lufthansa, die hier Betriebe eröffnen wollten. Wegen befürchteter Umwelt- und Lärmbelästigungen gab es Proteste; offenbar sind die Investitionen gestoppt.

          Andere waren erfolgreicher. Ein Ingenieur aus Dębica hat mit seiner Familie seit 1990 Olimp Laboratories aufgebaut, eine große Firma für Medizinprodukte; wenn man die Autobahn verlässt, sieht man ihre futuristisch anmutenden Gebäude. „Die haben auch mal in einer Garage angefangen, wie Bill Gates“, erzählt Piotr stolz, „und inzwischen haben  sie nach Deutschland expandiert.“ Daneben sind weitere Großbaustellen zu sehen. Der größte Arbeitgeber in der Stadt ist immer noch der vor dem Zweiten Weltkrieg gegründete Reifenproduzent „Dębica“. Dass die Firma hier entstand, ist kein Zufall: Schon im 19. Jahrhundert wurde im damals österreichischen Galizien Erdöl gefördert. Der Chemiker Ignacy Łukasiewicz erfand hier unter anderem die Petroleumlampe.

          Piotrs älterer Kollege Marek ist selbst im Energiesektor tätig. Die Entwicklung der Region sieht er als Erfolgsgeschichte. „Wir sind hier noch sehr polnisch, nicht so westlich wie andere Teile Polens.“ Die Tradition, die Familie, der christliche Glaube seien ihnen wichtig. Nur das Festhalten an ihren Werten habe es ermöglicht, dass Polen überlebt habe, obwohl es 125 Jahre lang besetzt und geteilt war. „Nur so sind wir auch aus den Ruinen des Zweiten Weltkriegs wieder auferstanden.“ Ehe Piotr auf sein Motorrad steigt und Marek in seinen BMW, sagen sie zum Abschied: „Wir sind PiS-Aktivisten, wir hoffen auf einen Wahlsieg des Präsidenten Andrzej Duda. Damit die gute Entwicklung weitergeht.“

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