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Polens Parteichef Kaczynski : Ein versehrtes Leben

Die Zwillinge Kaczynski 1961 im Alter von zwölf Jahren, links Jaroslaw und rechts Lech. Lech Kaczynski verunglückte 2010 beim Flugzeugabsturz bei Smolensk. Bild: dpa

Der polnische Parteichef Jaroslaw Kaczynski hört auf Machiavelli. Das hat mit seiner Biographie zu tun. Ganz besonders mit dem Tod seines geliebten Bruders Lech.

          Während ich über den Vorsitzenden Kaczynski nachdenke, kommt Machiavelli mir in den Sinn, der mit verkrüppelten Händen seinen „Principe“ schrieb. Kaczynski hat von ihm gesprochen, als ich ihn im Februar zum Interview besuchte, und damals hat er auch Carl Schmitt erwähnt, den Theoretiker der politischen Theologie. Ich denke auch an Marschall Pilsudski, den Gründer Polens, dessen Standbild im Zimmer des Vorsitzenden steht. Er wollte sich mit dem Marschall nicht abbilden lassen, obwohl der Fotograf darum bat.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auf Machiavelli und Schmitt war der Vorsitzende der polnischen Nationalkonservativen, der „Präses“, wie ihn seine Getreuen nennen, von selbst zu sprechen gekommen. „An Schmitt“, sagte er, „interessiert mich, dass er Politik realistisch sieht.“ Dann fügte er hinzu, er teile nicht „alle“ Ansichten dieses Mannes, er habe „moralische Bedenken“, „müsse“ sie haben.

          Die Einschränkung war ein Akt der Vernunft. Schmitt gilt als „Kronjurist“ des Dritten Reiches, jenes deutschen Regimes, das die Vernichtung Polens wollte. Ihn ohne Vorbehalt zu loben geht nicht an für einen wie Kaczynski. Die Legitimation seiner nationalkatholischen Revolution ruht schließlich auf Hingabe ans Vaterland, und so musste Kaczynski also Bedenken zu Protokoll geben. Wie wenig sie aber sein „Interesse“ an Schmitt kühlen konnten, am Apologeten des Souveräns, der über dem Recht steht, verriet er noch im selben Atemzug: Trotz allem nämlich sei „vielleicht nur einer“ noch besser gewesen: Machiavelli – der Analytiker der rationalen Grausamkeit und der Lüge. Über ihn sagte Kaczynski kein Wort der Distanzierung. „Noch besser“ als Schmitt, Punktum. Der Größte also. Bei beiden gefalle ihm, dass sie die Welt sähen, „wie sie ist – manchmal sehr brutal, manchmal weniger“.

          Machiavellis „Principe“, der „Fürst“. Glatt laufen die Sentenzen, geschliffen schauerlich: „Dass man einem Krieg nicht entgeht“, steht da, sondern ihn allenfalls „aufschiebt“; später dann der Rat, dass „die Menschen entweder gütlich behandelt oder vernichtet werden müssen. Wegen geringerer Unbill rächen sie sich, wegen großer vermögen sie es nicht.“

          Warum hält Kaczynski gerade ihn für den Größten? Zunächst hat die Grausamkeit, die Machiavellis Welt durchzieht – erlebte, im Elternhaus erzählte, geforderte –, von früh an auch ihn umweht. Das von Deutschen blutig entvölkerte und später von Stalins Terror gezeichnete Warschau war der Schauplatz seiner Kindheit. In diesen Ruinen wuchs er auf, an der Seite seines Zwillingsbruders Lech, der später als Präsident mit dem Regierungsflugzeug abstürzte. Beide haben im Echoraum eines katholisch-patriotischen Elternhauses die Geschichten der Zeit, Vernichtung, Widerstand, Überleben, wieder und wieder zu hören bekommen. Beide sind dann Befürworter der Todesstrafe geworden. Einmal hat Jaroslaw sogar einen Namen genannt: als er feststellte, der kommunistische General Wojciech Jaruzelski, der 1981 die Solidarność niederschlug, habe „eine Kugel in den Leib“ verdient.

          Grausamkeit gehörte von klein auf zu seiner Welt

          Ein Blick auf die Lebenswelten Kaczynskis und Machiavellis zeigt Parallelen. Machiavelli schrieb den „Fürsten“ mit verkrüppelten Händen. 1513 war er in Florenz auf die Folter geraten. Später kam er zwar wieder frei, aber nicht ohne zuvor die Qual der Todesangst erlebt zu haben. Als er den „Principe“ verfasste, war das noch kein Jahr her. Der „Fürst“, dieses Selbstzeugnis eines tödlich Erschreckten, kann damit als Ausdruck eines Traumas gelesen werden.

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