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Polens Parteichef Kaczynski : Ein versehrtes Leben

Wozu also braucht er so viel Macht, dass er die Justiz in Trümmer legt, die Nation spaltet und sein Land in eine Einsamkeit treibt, die so tief ist wie zuletzt vor dem deutsch-sowjetischen Überfall von 1939?

Es geht um mehr als das bloße Überleben

Hier helfen vielleicht einige Elemente aus dem Denken seiner Mentoren weiter – Schmitts und vor allem Machiavellis. Es gibt bei Schmitt Gedanken, die der polnischen Rechten dadurch entgegenkommen, dass sie den Staat nicht als ein abgeleitetes Produkt von Kompromissen definieren, sondern als eine nur „theologisch“ zu beschreibende Entität aus eigenem Recht. Dies entspricht der bis heute lebendigen Vorstellung von Polen als einem Volk mit höherer Mission, dem „Christus unter den Völkern“. Nicht umsonst trägt eine Zeitschrift des rechten Lagers den von Schmitt geliehenen Namen „Teologia Polityczna“, Politische Theologie.

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Bei Machiavelli ist das vorgeprägt. Die Amoralität, die er verlangt, ist nicht die des Hedonisten. Im „Principe“ setzt er seinem idealen Staatsmann vielmehr ein Ziel außerhalb aller Selbstsucht: Der Fürst möge Italien befreien. „Seht“, schreibt er, wie das Land Gott anrufe, er möge einen senden, der es von den Barbaren erlöse. „Seht, wie bereit und willig es ist, der Fahne zu folgen, wenn nur einer käme, der sie ergriffe!“ Der Fürst, der „das Böse tun muss, wo es sein muss“, darf also dennoch nicht „vom Guten lassen“: der Rettung des Vaterlandes. Dass es dabei um mehr geht als um ein bloßes Überleben, dass der „Gesandte“ den Staat ans Höhere zu binden habe, klingt in den Beispielen mit, die der Florentiner nennt: Moses, Romulus, Theseus – Nationenschmiede, Gewaltmenschen, Propheten.

Kaczynski hat freundlich gelacht, als ich ihn auf Pilsudski ansprach, dessen Bildnis auf seinem Bord steht. Staatsgründer, Sieger im polnisch-sowjetischen Krieg von 1920, das ist der Mythos dieses Mannes – also warum kein Foto? – Machiavelli jedenfalls hätte Pilsudski in seine Liste mythischer Gründer und Gesetzgeber sicher aufgenommen. Hatte der Marschall Polen nicht „aus Ägypten geführt“, hatte er nicht den bolschewistischen Atheismus gestoppt? Hatte er nicht schließlich, als Polen gleich wieder zu zerfallen drohte, im blutigen Mai-Putsch von 1926 die Schranken des Rechts weggefegt? War Polen nicht danach über lange Jahre seinem Regime autoritärer „Sanierung“ unterworfen?

So war es, und Machiavelli hätte das gebilligt. Kaczynski aber hätte er zugeflüstert, er möge das Bild dieses Mannes zwar auf seinem Bord halten, aber keinesfalls zulassen, dass es nach außen dringe. Manchmal nämlich, so der Gefolterte, ist es nötig, dass man seine Natur „geschickt zu verhehlen versteht und in der Verstellung ein Meister ist“.

Der Autor dankt Andreas Rostek vom Verlag „Edition Fototapeta“, der ihn zu diesem Text angeregt hat. Eine längere Version erscheint demnächst in der Anthologie „Polska first – Über die polnische Krise“.

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