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Polens Parteichef Kaczynski : Ein versehrtes Leben

Auch in der Politik hat er zu Verschleierungen gegriffen. Weil die Wähler seine Härte nicht mögen, baute er im Wahlkampf von 2015 Kulissen der Konzilianz auf. Er spielte den Sanften, duldete Signale, denen zufolge besonders rigorose Vertreter seiner Ideologie nicht Minister werden sollten. Nach dem Sieg wurden sie es doch. Das Ausmaß des geplanten Angriffs auf die Justiz hielt er im Wahlkampf geheim. Stattdessen schürte er Angst vor den „Bakterien und Parasiten“, welche dem Vaterland durch von Europa aufgezwungene Flüchtlinge drohten.

Zu diesem Spiel gehören die künstlichen Personen, die Kaczynski schafft. Er selbst ist kein Volkstribun, kein Bezauberer der Massen. Er weiß das, und so schickt er andere auf die Bühne. Am besten hat diese Funktion sein Bruder Lech erfüllt, der ihm einerseits so ähnlich sah, dass nur Freunde die Doppelgängerei bemerkten, andererseits aber durch seine Freundlichkeit besser für die Öffentlichkeit taugte. Nach Lechs Tod musste Kaczynski dann neue Figuren erfinden: Ministerpräsidentin Beata Szydlo, vor allem aber den Präsidenten Andrzej Duda, eine sympathische, zunächst noch völlig unbekannte Gestalt, die dann auch prompt die Präsidentenwahl 2015 gewann.

Was will Kaczynski mit der Macht?

Ein zentrales Kapitel in diesem Spiel ist der Mythos vom russischen Bombenattentat auf Lech Kaczynski bei Smolensk im April 2010, welchen das nationale Lager verbreitet, obwohl polnische Ermittler damals keinen Hinweis darauf gefunden haben. Vielmehr hat die Staatsanwaltschaft seinerzeit festgestellt, das Präsidentenflugzeug sei deshalb im Wald zerschellt, weil die Mannschaft vorschriftswidrig versucht habe, bei Nebel auf einer schlecht gerüsteten Piste zu landen.

In diesem Mythos scheinen gleich zwei Aspekte der polnischen Erfahrung mit der Lüge auf. Erstens spiegelt die Willigkeit, mit der Kaczynskis Lager die abenteuerliche Attentatsthese aufnimmt, das Grundmisstrauen dieser Gesellschaft gegen öffentliche Narrative wider. Dass der Staat mit Täuschung und Mord operiert, gilt hier als selbstverständlich, und dass es ausgerechnet beim Tod Präsident Lech Kaczynskis anders gewesen sein soll, will keiner in diesen Milieus glauben. Die damals regierenden Liberalen, heute die größte Oppositionspartei, stehen dabei entweder als Komplizen oder als Profiteure des russischen Verbrechens da.

Zweitens kann der Eifer, mit dem Kaczynskis Helfer den „Mord von Smolensk“, das Komplizentum ihrer liberalen Gegner verfechten, aus Machiavellis Überzeugung abgeleitet werden, dass jeder, der in einer Welt der Lüge überleben will, selbst lügen muss. Wo Kaczynski dabei persönlich steht, bleibt diffus. Die Erzählung, nach der sein Bruder von russischer Hand „gefallen“ sei, nutzt seiner Partei. Immer wieder hat er also dem Mythos Vorschub geleistet, und einmal, bei einem Ausbruch von Wut und Schmerz im Parlament, hat er den Liberalen zugerufen, niemand anderes als sie, diese „Verräterfressen“, hätten seinen Bruder „ermordet“.

Was aber will Kaczynski mit der Macht, um die er die Faust ballt? – Leichter wäre zu sagen, was er nicht will. Er will keinen Sultanspalast, und er inszeniert sich nicht als sexuell aufgeladener Kriegsherr mit Pilotenbrille. Er lässt anderen den Glanz der Ämter und verbirgt sich in seinem Warschauer Parteisitz, der so repräsentativ ist wie ein Teppichdiscounter. Privat lebt er in einer dieser schmucklosen Einfamilien-Schuhschachteln, mit denen das Polen der Nachkriegszeit seine Ruinen bedeckte. Selbst verschworene Feinde werfen ihm nicht vor, dass er sich persönlich bereichern wolle.

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