https://www.faz.net/-gpf-945hi

Polens Parteichef Kaczynski : Ein versehrtes Leben

Kaczynski nun hat zwar nicht auf der Folter gelegen, aber von klein auf gehörte Grausamkeit zu seiner Welt. Geboren 1949 als Kind von Untergrundkämpfern des „Warschauer Aufstands“, waren die Geschichten von der straßenweisen Erschießung zusammengetriebener Frauen und Kinder, von verzweifeltem Widerstand und notwendiger Tötung von Verrätern der Generalbass seiner Jugend.

Auf die Deutschen folgten die Russen. Kaczynski gehörte zum kirchlich-patriotischen Flügel der Dissidenz. Gefahr, Denunziation, Angst waren Teil seiner Welt. Die Verachtung des Rechts, die Allgegenwart von Lüge, Zersetzung, Mord, prägten seine Jugend. Zwei Jahrzehnte nach der Wende dann verunglückte sein tief geliebter Bruder, Präsident Lech Kaczynski, tödlich, als er nach Russland flog, um der mehr als zwanzigtausend Polen zu gedenken, welche Stalin bei Katyn hatte ermorden lassen. Bis jetzt glauben viele auf der polnischen Rechten (und vielleicht auch Kaczynski selbst), der Absturz von 2010 bei Smolensk gehe auf ein russisches Attentat zurück.

Kaczynskis Nachkriegsgeneration hat damit Machiavellis Feststellung, es gebe „im Grunde kein sichereres Mittel zur Beherrschung als die Zerstörung“, selbst am Körper ihrer Nation erlebt. Die Familienerzählungen vom ermordeten Patrioten, vom hingerichteten Kollaborateur, mögen manchen aus dieser Kohorte das Argument plausibel gemacht haben, dass „ein Mensch, der in allen Dingen nur das Gute tun will, unter so vielen, die das Schlechte tun, notwendig zugrunde gehen muss“. Wer leben wolle, müsse „imstande sein, schlecht zu handeln, wenn die Notwendigkeit es erfordert“.

Polen dieses Alters haben mit Machiavelli eines gemeinsam: In vielen wirken die Folgen der Marter. Für viele gilt, was Jean Améry geschrieben hat: Wer der Folter erlag, wird nirgendwo mehr heimisch. „Dass der Mitmensch als Gegenmensch erfahren wurde, bleibt als gestauter Schrecken im Gefolterten liegen: Darüber blickt keiner hinaus in eine Welt, in der das Prinzip Hoffnung herrscht.“

Ist es völlig abwegig, bei diesem „gestauten Schrecken“ ebenso an Machiavelli zu denken wie an Kaczynski? Der Präses jedenfalls hat nach dem Tod seines Bruders, den er als Opfer für Polen empfindet, einmal bekannt, er erwarte nicht, „jemals wieder erfüllt und glücklich“ zu sein. „Ich weiß, dass so ein Augenblick nie wieder kommen wird.“

„Dem Krieg entgehst du nicht“

Kaczynskis Weltsicht trägt Spuren der Versehrung. Für das „Prinzip Hoffnung“ ist hier kein Platz. Solidarität in Europa? Versöhnung mit Deutschland? „Dem Krieg entgehst du nicht“, hatte Machiavelli gesagt. „Europa“ mit all seiner Rhetorik von Recht und Humanität ist nur Tarnung: für den Zynismus, der die Welt beherrscht, beherrschen muss, weil es ohne ihn kein Überleben gibt. Nur auf die in Gott ruhende Nation ist Verlass.

Noch deutlicher wird dieses fundamentale Misstrauen gegen die Möglichkeit des Friedens in der Innenpolitik. Kaczynski ist überzeugt, dass der Sturz der Kommunisten 1989 Betrug war – in Wahrheit habe die Macht nur das Kostüm gewechselt. Die alten Eliten lenken demnach bis heute Polens Wirtschaft, die Parteien, die Justiz. Der europäisch säkulare Rechtsstaat samt Gender und Multikulti ist damit als Staffage entblößt, als Tarnung für die fortdauernde Aushöhlung der Nation, welche deshalb ihre historischen Werte, „Gott, Ehre, Vaterland“ bis heute nicht verwirklichen darf.

Weitere Themen

Macron weist Brexit-Pläne von Johnson zurück Video-Seite öffnen

Klare Absage : Macron weist Brexit-Pläne von Johnson zurück

Macron hat vor seinem Treffen mit dem britische Premierminister Johnson dess Brexit-Plänen eine klare Absage erteilt. Eine Neuverhandlung des Austritts-Abkommens sei keine Option, sagte der französische Präsident .

Topmeldungen

Ziel geopolitischer Interessen : Die Tragödie der Arktis

Je schneller das Eis in der Arktis schmilzt, desto größer werden die konkurrierenden Begehrlichkeiten. Man kann an diesem Theater ablesen, wie sich die politischen Interessen verschoben haben.

Ringen um den Brexit-Deal : Macron erwartet von Johnson neue Erklärungen

Berlin und London haben im Streit über den britischen EU-Austritt Gesprächsbereitschaft signalisiert. Für Frankreich sei eine Neuverhandlung des EU-Austritts auf der Grundlage der bisherigen Vorschläge von Johnson jedoch „keine Option“, sagt Macron.

TV-Kritik: „Maischberger“ : Gedächtnisschwäche und Meinungsbildung

Grönland-Debatte, Fleischkonsum oder Greta Thunberg: Schaffen die Medien unsere Wirklichkeit, oder bilden sie diese nur ab? Das war das eigentliche Thema dieses Abends, der an fast vergessene Ereignisse der letzten Wochen erinnerte.
Glück im Spiel, Pech an der Börse? Gamer auf der Gamescom in Köln

Gamescom : Gamer haben an der Börse keinen Spaß

Das vergangene Jahr war für viele Entwicklerfirmen ein schlechtes Jahr. Das lag vor allem an einem Spiel. Warum Analysten trotzdem weiterhin auf die Gaming-Papiere setzen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.