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Polen : Tusks schwieriger Großvater

Der Großvater des Kandidaten war bei der Wehrmacht Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Im zweiten Weltkrieg wurden etwa drei Millionen Polen zwangsgermanisiert und mußten in der Wehrmacht kämpfen. Der Großvater des Präsidentschaftskandidaten gehörte dazu. Sein Schicksal rührt an traumatische Punkte der polnischen Erinnerung.

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          „Mein Großvater war polnischer Eisenbahner, die Gestapo verhaftete ihn zu Beginn des Krieges.“ Donald Tusk, der Präsidentschaftskandidat der rechtsliberalen polnischen Bürgerplattform, hat diesen Satz gleich zu Beginn seines ersten Fernsehspots gesprochen, um den Wählern eines ein für allemal klarzumachen: Auf einen Tusk ist Verlaß.

          Konrad Schuller
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auch wenn der Kandidat im Gegensatz zu seinem nationalkonservativen Konkurrenten Lech Kaczynski freundliche Nähe zu Deutschland sucht, sollte damit gesagt werden, ist er kein Mann ohne Rückgrat. In Wahlveröffentlichungen ließ Tusk keine Gelegenheit aus, zu betonen, daß auch die Seinen, wie fast jede Familie in Polen, im Weltkrieg unter deutschen Mord- und Versklavungsaktionen zu leiden hatten. Beide Großväter hätten in deutschen Konzentrationslagern - der eine in Stutthof bei Danzig, der andere in Neuengamme bei Hamburg - eingesessen.

          Schlag für das Wahlkampfkonzept

          Am Freitag nun hat das polnische Fernsehen Tusks Wahlkampfkonzept einen Schlag versetzt: Eine Recherche im deutschen Militärarchiv ergab, daß sein Großvater Jozef Tusk, geboren in Danzig im Jahre 1907, nicht nur von der Gestapo verhaftet, sondern im August 1944 auch in die Wehrmacht eingezogen wurde. Für Tusks Kampagne ist die Nachricht ein mittleres Beben, denn in Polen, das durch das Kriegsgeschehen, vor allem aber durch die Mordaktionen der deutschen und sowjetischen Besatzer, 18 Prozent seiner Bürger verlor, ist die Geschichte viel näher als in anderen Ländern.

          Eine Einberufung zur Wehrmacht ist vor diesem Hintergrund ein schlimmer Makel. Hinzu kommt, daß Tusks Widersacher Kaczynski sich im Wahlkampf ebenfalls auf die Familie beruft und mit der Verwundung seines Vaters im legendären Warschauer Aufstand 1944 erfolgreich punkten kann.

          „Ein Augenblick der Prüfung“

          Die Angelegenheit ist für Tusk um so unangenehmer, weil er sich heftig zur Wehr gesetzt hat, als Kaczynskis Wahlkampfchef einige Tage zuvor erste, noch unbelegte Gerüchte über Großvater Jozef verbreitet hatte. Er hatte eine förmliche Entschuldigung gefordert und erhalten, Kaczynskis Wahlkampfchef wurde entlassen und aus der Partei ausgeschlossen. Als Tusk am Freitag von den Enthüllungen erfuhr, sagte er: „Für mich ist das ein Augenblick der Prüfung.“ Sein Großvater habe zu Hause nie davon erzählt.

          Das Schicksal des Großvaters Tusks rührt an traumatische Punkte der polnischen Erinnerung. Das Los der Polen, die wie die Danziger Familie Tusk in solchen Gebieten lebten, die das Reich nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im September 1939 annektierte, war während des Kriegs besonders dramatisch.

          Zwangsgermanisierung im „Dritten Reich“

          In den angegliederten Territorien „Wartheland“ und „Reichsgau Danzig-Westpreußen“ vertrieb die deutsche Besatzungsmacht die polnischen Bewohner entweder in das „Generalgouvernement“ - nach dem Konzept der Nazis eine Art von Krakau aus verwalteter restpolnischer Sklavenprovinz -, oder sie unterwarf sie einer massiven Eindeutschungspolitik. Insgesamt sind damals etwa drei Millionen Polen über die sogenannte „Deutsche Volksliste“ auf den Weg der Zwangsgermanisierung gebracht worden.

          Die Folge war, daß fast alle wehrfähigen Männer dieser Familien, unter anderen, wie sich jetzt zeigt, Großvater Tusk, mit der Wehrmacht an die Front mußten. Zu Beginn des Jahres 1944 war die Aushebung so intensiv, daß deutlich mehr Polen in deutschen Uniformen dienten als in den alliierten polnischen Exilstreitkräften. Möglichkeiten zum Ausweichen gab es kaum.

          Patriotische Unzuverlässigkeit?

          Daß Tusk, wie Kaczynskis einstiger Wahlkampfchef suggeriert hatte, „freiwillig“ zur Wehrmacht gegangen sei, halten Fachleute wie der Historiker Wlodzimierz Borodziej allerdings für Unsinn. Doch hält sich bis heute in der polnischen Gesellschaft ein zähes Vorurteil über die patriotische Unzuverlässigkeit der Leute, die auf der „Volksliste“ standen.

          Die historische Forschung hat diese Vorbehalte jedoch längst widerlegt. Daß die polnischen Wehrmachtssoldaten jede Gelegenheit wahrnahmen, zu den Alliierten überzulaufen, ist in Zehntausenden von Fällen dokumentiert. Auch Jozef Tusk ist offenbar diesen Weg gegangen. Nach einer Haftzeit in deutschen Konzentrationslagern, unter anderem in Neuengamme, wo jeder zweite Insasse an Mißhandlung, Unterernährung oder an Experimenten mit Giftgas und Tuberkuloseerregern starb, erreichte ihn im August 1944 der Einberufungsbefehl.

          Wer auf der „Volksliste“ gestanden hatte, war Repressionen ausgesetzt

          Schon im November 1944, nur drei Monate nach seiner Einberufung zu einer Grenadiereinheit im Raum von Aachen, taucht er jedoch in den Akten der „Polnischen Streitkräfte im Westen“ auf, die damals mit den alliierten Invasionstruppen von der Normandie Richtung Deutschland vorrückten. Wie er dorthin gelangte, ob durch Gefangennahme oder durch Desertion aus seiner Einheit, verraten die Akten nicht, und auch sein weiteres Kriegsschicksal ist unbekannt.

          Wahrscheinlich hat er jedoch in der ersten polnischen Panzerdivision unter General Maczek den Vorstoß nach Norddeutschland und den Fall Bremerhavens miterlebt, vielleicht hat er auch mit der Fallschirmbrigade Brigadegeneral Sosabowskis das unglückliche Landeunternehmen an der Brücke von Arnheim mitgemacht. Dafür, daß er von alldem zu Hause, wie Enkel Donald sagt, nie etwas erzählt hat, gab es gute Gründe: In den Nachkriegsjahren war Repressionen ausgesetzt, wer auf der „Volksliste“ gestanden hatte - Dienst in der Wehrmacht war dabei ein erschwerender Umstand. Und auch der Kampf auf seiten der polnischen Exilstreitkräfte im Westen war aus Sicht der kommunistischen Machthaber ein Beweis von Unzuverlässigkeit.

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