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Angriffe gegen Polen : Brexit und Gewalt

Zusammenstehen: Trauermarsch der polnischen Gemeinde in Harlow für den getöteten Arkadiusz Jozwik Bild: AFP

Warschau schickt nach dem tödlichen Angriff auf einen Polen in Großbritannien zwei Minister nach London. Aus polnischer Sicht bringt auch der Brexit einiges durcheinander.

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          Kurz bevor er das Flugzeug nach London bestieg, gab Außenminister Witold Waszczykowski noch eine polnische Spruchweisheit zu Gehör: „Das Auge des Herrn macht das Pferd fett“ – oder, auf das Tagesgeschehen gemünzt: Man muss den Briten auf die Finger sehen bei dem, was da passiert.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.
          Konrad Schuller
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und passiert war Schlimmes: Nachdem in der vergangenen Woche im südostenglischen Städtchen Harlow ein Pole bei einer Schlägerei getötet worden war, hatte es am Sonntag in derselben Stadt wieder Gewalt gegeben. Vor einer Kneipe wurden zwei Polen attackiert – eine gebrochene Nase, eine geplatzte Braue, an sich nichts Besonderes. Angesichts des tragischen Vorfalls kurz vorher aber ein Anlass für die nationalkonservative polnische Regierung, ihren Ruf zu verteidigen, dem zufolge sie die polnischen Interessen überall in der Welt schützt, und sei es an britischen Bartresen.

          Unverzüglich wurde eine Reise zweier Kabinettsmitglieder nach Großbritannien anberaumt – des Außenministers sowie des Innenministers Mariusz Blaszczak. Den Argwohn der Presse, hier könne es sich um eine schlichte PR-Aktion handeln, wies Waszczykowski mit dem Hinweis auf den Ernst der Lage zurück: Immerhin hatte es einen Toten gegeben. Im Gestus des Großbauern auf Inspektion umschrieb er das Ziel der Reise: Man wolle jetzt einmal selbst prüfen „ob die (britischen) Behörden alle Sicherheitsprozeduren einhalten, ob es da nicht Diskriminierung gibt und man dort nicht vielleicht andere Nationen besser schützt“.

          Hintergründe der Gewalttaten werden derzeit untersucht

          Noch untersucht die Polizei in der Grafschaft Essex die Hintergründe der Gewalttaten. „Hassverbrechen“ könnten nicht ausgeschlossen werden, heißt es offiziell. In Wahrheit haben die Ermittler wohl wenig Zweifel, dass die Angriffe chauvinistisch motiviert waren. Arkadiusz Jozwik sei zu Tode geprügelt worden, „weil er Polnisch gesprochen hat“, soll die Polizei seinem Bruder erklärt haben.

          Jozwik hatte am 27. August eine Pizza im Einkaufszentrum von Harlow gegessen, als eine Gruppe junger Männer und Frauen über ihn herfiel. Zuvor sollen die Jugendlichen ihn und einen Freund angepöbelt haben. Ein Foto, das eine Anwohnerin vor dem Angriff aufgenommen hat, zeigt, wie die Gruppe auf einer Bank und zwei Blumenkästen herumlungert, daneben verstreut liegende Fahrräder. Sechs Jugendliche wurden inzwischen festgenommen. Jozwik war nach dem Überfall mit Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht worden, wo er zwei Tage später starb.

          Am vergangenen Samstag versammelten sich 700 Menschen in Harlow, um eine Mahnwache abzuhalten – darunter viele Polen aus anderen Teilen Englands. Es blieb jedoch eine lokale Affäre. Aus London war nur der polnische Botschafter Arkady Rzegocki gekommen. Britische Regierungspolitiker ließen sich nicht blicken. Der örtliche Abgeordnete Robert Halfon sagte ein paar Worte, ebenso der Pfarrer von Harlow. Nur wenige Stunden nach der Mahnwache, zwischen drei und vier in der Nacht, kam es abermals zu Gewalt. Diesmal traf es zwei Polen, die vor einem Pub von vier oder fünf Männern angegriffen wurden. Die beiden Opfer wurden im Krankenhaus behandelt und bald wieder entlassen.

          Obwohl am Montag der politische Betrieb in Westminster wiederaufgenommen wurde, spielten die Angriffe in Essex und die Reaktionen aus Polen keine Rolle. Premierministerin Theresa May, die im fernen Hangzhou eine ausführliche Pressekonferenz auf dem G-20-Gipfel abhielt, bekräftigte, dass sie dem Wunsch der britischen Wähler nach „mehr Kontrolle“ über die Einwanderung aus der EU entsprechen will. Die Vorfälle in Harlow erwähnte sich nicht. In London blieben die angekündigten Ministerbesuche aus Warschau unterhalb der Wahrnehmungsschwelle.

          „Kein Raum für Xenophobie“ in Großbritannien

          Nach der Referendumskampagne war die Zahl der fremdenfeindlichen Übergriffe sprunghaft angestiegen. Laut offizieller Zahlen wurden in den zwei letzten Juniwochen 42 Prozent mehr Taten registriert als im Vorjahreszeitraum. Allein die britische Transportpolizei meldete in den zwei Wochen nach dem Referendum 119 Vorfälle – überwiegend Beleidigungen. Auch wenn die britische Öffentlichkeit bislang eher unaufgeregt darüber diskutiert, scheinen sich Teile der Regierung um die Außenwirkung zu sorgen. Der neue Außenminister Boris Johnson versicherte am Wochenende bei einem Besuch in Warschau, dass es in Großbritannien „keinen Raum für Xenophobie“ gebe. Er zeigte sich beeindruckt von polnischen Sprachschülern am „British Council“ in Warschau und sagte: „Wir freuen uns darauf, sie in ein paar Jahren in Großbritannien begrüßen zu dürfen.“

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