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Äußerungen über Bandera : Polen rügt Melnyks Äußerungen

  • Aktualisiert am

Andrij Melnyk im Juni in Schönefeld Bild: dpa

Die Worte des ukrainischen Botschafters in Deutschland über den Nationalisten Stepan Bandera seien inakzeptabel, heißt es aus Warschau. Eine Entschuldigung von Andrij Melnyk sei nicht notwendig.

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          Polen hat die Äußerungen des ukrainischen Botschafters in Berlin, Andrij Melnyk, über den früheren Nationalistenführer Stepan Bandera (1909-1959) gerügt. „So eine Auffassung und solche Worte sind absolut inakzeptabel“, sagte Vize-Außenminister Marcin Przydacz am Freitag der Internetplattform Wirtualna Polska. Auf die Frage, ob Polen eine Entschuldigung von Melnyk erwarte, sagte Przydacz: „Uns interessiert mehr die Position der ukrainischen Regierung als die von Einzelpersonen.“ Da sich das ukrainische Außenministerium von den Äußerungen Melnyks distanziert habe, reiche dies aus. Das ukrainische Außenministerium hatte Melnyks Einlassungen als dessen Privatmeinung bezeichnet. Der Botschafter selbst wollte sich zu der Causa nicht äußern. Ein Botschafter könne nicht die Erklärungen des eigenen Außenministeriums kommentieren, teilte eine Sprecherin der Botschaft in Berlin mit.

          Das ukrainische Außenministerium hatte sich von Äußerungen des Botschafters in Berlin, Andrij Melnyk, über den früheren Nationalistenführer Stepan Bandera distanziert. „Die Meinung des ukrainischen Botschafters in Deutschland, Andrij Melnyk, die er in einem Interview mit einem deutschen Journalisten ausgedrückt hat, ist seine persönliche und gibt nicht die Position des ukrainischen Außenministeriums wider“, teilte die Behörde in der Nacht zum Freitag auf ihrer offiziellen Webseite mit. Melnyk wurde in Deutschland auch durch Kritik an der Ukraine-Politik der Bundesregierung bekannt. Als Botschafter ist Melnyk dem Außenministerium unterstellt.

          Das Außenministerium dankte in dem Statement, das in englischer Sprache verfasst wurde, zudem Warschau für die derzeitige „beispiellose Hilfe“ im Krieg gegen Russland. Wörtlich heißt es darin: „Wir sind überzeugt, dass die Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen derzeit auf ihrem Höhepunkt sind.“

          In Polen waren Melnyks Äußerungen auf Kritik gestoßen. Der Botschafter hatte Bandera im Interview mit dem Journalisten Tilo Jung in Schutz genommen und gesagt: „Bandera war kein Massenmörder von Juden und Polen.“ Dafür gebe es keine Belege.

          Er verwies unter anderem darauf, dass der von ihm als „Freiheitskämpfer“ bezeichnete Stepan Bandera knapp eine Woche nach dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion 1941 von den Deutschen verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht worden war. Der 1909 in Galizien im heutigen Polen* geborene Bandera wurde 1959 in München von einem sowjetischen Agenten ermordet. Melnyk zufolge wurde die Figur Banderas gezielt von der Sowjetunion dämonisiert.

          Er warf deutschen, polnischen und israelischen Historikern vor, dabei mitgespielt zu haben. „Ich bin dagegen, dass man all die Verbrechen Bandera in die Schuhe schiebt“, sagte der Diplomat. Zuvor hatte Jung Melnyk mit einem Zitat eines ukrainischen Flugblatts und Opferzahlen konfrontiert. „Es gibt keine Belege, dass Bandera-Truppen Hunderttausende Juden ermordet haben“, zeigte sich Melnyk überzeugt.

          Auch den Vorwurf der Zusammenarbeit mit den Nazis ließ er nicht gelten. „Was heißt kollaboriert? Kollaborateure gab es in ganz Europa – in Frankreich, in Belgien in jedem Staat“, sagte Melnyk über die Kooperation ukrainischer Nationalisten mit Nazi-Deutschland. Bandera habe lediglich versucht den Kampf zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion für eine ukrainische Unabhängigkeit auszunutzen.

          Bandera war ideologischer Führer des radikalen Flügels der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Nationalistische Partisanen aus dem Westen der Ukraine waren 1943 für ethnisch motivierte Vertreibungen 1943 verantwortlich, bei denen Zehntausende polnische Zivilisten ermordet wurden. Bandera floh nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland, wo er 1959 von einem Agenten des sowjetischen Geheimdienstes KGB ermordet wurde.


          * In einer früheren Fassung dieser Meldung wurde fälschlich der Eindruck erweckt, Galizien habe 1909 zu Polen gehört. Damals gab es aber keinen souveränen Staat Polen.

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