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Polen : Pfiffe für die Blitzverbrüderung

Walesa und Kwasniewski haben sich versöhnt Bild: dpa/dpaweb

Während Danzig den 25. Jahrestag der „Solidarnosc“ feiert, steht in Polen nur wenigen der Sinn nach Versöhnung. Kritisch beäugt werden die annähernden Gesten zwischen dem einstigen Streikführer Walesa und und seinem Nachfolger im Präsidentenamt Kwasniewski.

          Eigentlich ist alles da gewesen, was die Bürger Polens sonst in vaterländischer Harmonie zerfließen läßt. Die Stadt war beflaggt in rot-weiß, Pfadfindermädchen in Kniesocken defilierten singend, die drei turmhohen Metallkreuze für die getöteten Arbeiter aus Jahren des Kampfes gegen die Diktatur glänzten in der Sonne.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Danzig feierte vor dem Tor der Leninwerft das 25. Jubiläum jenes Tages, an dem die Gewerkschaft „Solidarnosc“ nach zwei Wochen des Streiks von der kommunistischen Führung endlich ihre Zulassung ertrotzt hatte, dazu das Streikrecht für alle sowie die Begrenzung der Zensur. Die polnische Opposition hatte damit am 31. August 1980 ihr erstes entscheidendes Ziel erreicht.

          Schrille Klangwolke

          Obwohl die Kirchenlieder wie immer in Polen wie aus einer einzigen Kehle stiegen, sobald der Vorsänger, ein schnittiger junger Priester mit Sonnenbrille und Mikrofon, auch nur die ersten Akkorde intoniert hatte, obwohl die Jungfrau von Tschenstochau von einem mächtigen Transparent auf die Menge blickte, und obwohl der Krakauer Erzbischof Dziwisz von der Altartribüne aus einen Segensbrief Papst Benedikt XVI. verlas, war die Menge der Danziger, die zur Jubiläumsmesse gekommen war, keineswegs in jener Stimmung, in der man Friedensküsse tauscht.

          Immer wieder kam unwilliges Murmeln auf, es gab Pfiffe und Buhrufe. Einmal, als die Ehrengäste erschienen, verdichtete sich der Protest für Minuten zur schrillen Klangwolke.

          Zwei Personen standen regelmäßig im Mittelpunkt, wenn die Menge murmelte, pfiff, und - was sich dann regelmäßig anschloß - zur Abwehr der Pfeifer und Rufer demonstrativ applaudierte. Es war Lech Walesa, der Danziger Streikführer und erste Vorsitzende der Solidarnosc, später der erste Präsident des demokratischen Polen. Auf der anderen Seite stand einer seiner damaligen Gegner: Aleksander Kwasniewski, zu kommunistischen Zeiten Minister für Jugend und Sport, seit 1995 aber Walesas Nachfolger im Präsidentenamt.

          „Legendärer Führer der Solidarität“

          Seit der Beerdigungsfeier Johannes Pauls II. im April, machen diese beiden Männer den Polen zu schaffen. Beim Papstbegräbnis in Rom hatte Walesa die Nation mit einer Geste verblüfft, gegen die er sich bis dahin immer gesträubt hatte: Er reichte seinem Amtsnachfolger die Hand.

          Obwohl diese Geste dem sonst eher barschen Walesa unendlich schwer gefallen sein muß (dieser Zeitung hat er später gesagt, daß nur intensives Zuraten höchster Kirchenführer ihn, den „gläubigen Sohn der Kirche“, dazu gebracht habe), hat der unnachgiebige Streikleiter von der Leninwerft seinen Versöhnungskurs seither unbeirrt fortgesetzt.

          Er lud Kwasniewski zu seinem Namenstag ein, und, unter dem gequälten Stöhnen seiner alten Mitkämpfer von der Solidarnosc, auch zum Jahrestag vom 31. August. Kwasniewski hat sich dafür bei der Jubiläumsfeier vor der Messe mit einer überschwenglichen Laudatio revanchiert, in welcher er seine frühere Parteizugehörigkeit elegant verschwieg, Walesa aber als „Helden“ und „legendären Führer der Solidarität“ in eine Reihe mit Martin Luther King, Mahatma Gandhi, Nelson Mandela und Vaclav Havel stellte; letzterer war am Mittwoch auch nach Danzig gekommen.

          Ein kommunistischer Agent?

          Die polnische Gesellschaft hat auf diese Blitzverbrüderung der Präsidenten verstimmt reagiert. Nicht zum ersten Mal hat Walesa damit einen Weg eingeschlagen, der aus der Sicht der Heißsporne unter den Seinen den Gegner auf unverzeihliche Weise schont. Schon jene Vereinbarung mit der kommunistischen Staatsmacht vor 25 Jahren, die Walesa am 31. August 1980 mit einem riesigen Kugelschreiberunterzeichnete, war ausgesprochen moderat gewesen und hatte beispielsweise den Führungsanspruch der kommunistischen Partei in Polen mit keinem Wort bestritten.

          Bei der Wende von 1989 machte Walesa, um Blutvergießen nur ja zu vermeiden, am „Runden Tisch“ der Gegenseite so weitgehende Zugeständnisse, das manche seiner alten Mitkämpfer sich abwandten und heute überzeugt sind, der Führer der Solidarnosc sei in Wahrheit ein kommunistischer Agent gewesen.

          Jahre der Nachsicht scheinen vorüber

          Walesa aber, dessen eherner Eigensinn schon damals zu den Erfolgsgeheimnissen der Solidarnosc gehörte (unlängst erst hat er seinen Führungswillen mit dem eines Lenin oder eines Stalin verglichen) hat sich keinen Augenblick lang beirren lassen. An der Versöhnung mit Kwasniewski hält er unbeirrt fest, und als die Kritik seiner alten Gewerkschaftskollegen in den vergangenen Wochen nicht aufhören wollte, ließ er wie nebenbei fallen, dann werde er eben demnächst sein Mitgliedsbuch für die Gewerkschaft zurückgeben.

          Sie haben also gemurrt und mit den Füßen gescharrt am Mittwoch bei der Danziger Jubiläumsmesse im Sonnenschein. Nach Versöhnung steht heute keinem der Sinn, die Polen haben genug. Sechzehn Jahre nach der Wende haben die ehemaligen Kommunisten, die seit 2001 wieder regieren, ihr Ansehen durch eine unendliche Kette von Affären vollständig ruiniert. Umfragen sagen ihnen für die Parlamentswahl am 25. September einen Absturz von 42 auf gerade noch 10 Prozent voraus. Die Jahre der Nachsicht scheinen vorüber zu sein.

          „Das ist eine religiöse Veranstaltung

          Diese Entwicklung bedeutet zugleich einen Abschied von Solidarnosc. Walesas Gewerkschaft hatte in den Jahren des Kampfes immer auch deshalb überlebt, weil sie im politischen Ringen ihrerseits dem Gegner die Chance ließ, am Leben zu bleiben.

          Am Mittwoch in Danzig dagegen ist das Scharren, Pfeifen und Rufen unter den Kreuzen an der Werft gelegentlich so laut geworden, daß der junge Priester mit der schnittigen Brille ängstlich zum Mikrofon eilen mußte. „Ich bitte Sie“, rief er beschwörend, „Das ist eine religiöse Veranstaltung!“

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