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Polen : Im Versöhnungsrausch

In Trauer versöhnt: Die Politiker Walesa (links) und Kwasniewski (rechts) Bild: picture-alliance / dpa

Das Gedenken an den Papst führt die polnischen Katholiken verschiedener Lager zusammen. Im Land ist von Versöhnungswundern die Rede. Die Harmonie zwischen den verfeindeten Gruppen dürfte aber nur von kurzer Dauer sein.

          Unter den Tausenden, die an diesen Tagen in Warschau unterwegs gewesen sind, um in Gottesdiensten, in Freiluftmessen und an Spontan-Altären des verstorbenen Papstes zu gedenken, ist am Mittwoch eine Gruppe besonders aufgefallen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Junge Männer in T-Shirts waren vor der Sankt-Annen-Kirche in Warschau aufgezogen, Männer von jener Sorte, der man sonst aus dem Weg zu gehen pflegt. Schals, Turnschuhe, wappenbestickte Mützen: Man brauchte nicht lange hinzusehen, um zu erkennen, daß diese jungen Gläubigen nicht nur Fußballfans waren, sondern, was schlimmer ist, Fans der beiden Warschauer Lokalmannschaften Legia und Polonia.

          „Für dich, Heiliger Vater, die Versöhnung“

          Diese Mannschaften verbindet seit unvordenklichen Zeiten abgrundtiefer Haß. In Krakau ist es nicht anders. Die Freunde der Krakauer Vereine Cracovia und Wisla prallen gleichsam im Jahresrhythmus so heftig aufeinander, daß immer wieder Tote zu beklagen sind. Bisher hat auch die besondere Frömmigkeit der Stadt Krakau, wo immerhin Johannes Paul II. einst Erzbischof gewesen war, daran nichts ändern können.

          Jetzt aber liegen die Löwen bei den Lämmern. Vor der Annenkirche zu Warschau flogen keine Schmähworte hin und her, sondern die geübten Kehlen der Fans stimmten, dem Papst zu Ehren, dessen Lieblingslied „Barka“ an, banden ihre Schals zusammen und schienen ganz zu vergessen, daß sie sich eigentlich aus vollem Herzen verabscheuten. In Krakau skandierten Cracovia-Liebhaber die Parole „Für dich, Heiliger Vater, die Versöhnung“ so lange, bis die ohnehin geistlich gestimmten Medien von einem „Wunder an der Weichsel“ sprachen. Solche Versöhnungsereignisse gab es seit dem Tod des Papstes einige. In Schlesien meldete die Polizei, unmittelbar nach dem Ereignis sei die Kriminalität in der Region zwei Tage lang um ein Drittel zurückgegangen, und erst am dritten Tage bedauerlicherweise wieder auf die übliche Quote gestiegen; die Angestellten der Telekom Polska sagten einen Streik ab, und in den Zeitungen verebbte die Schlammschlacht zwischen Links, Rechts und ganz Rechts.

          Seltene politische Eintracht

          Eines der auffälligsten Eintrachtswunder aber hat sich in der Politik ereignet. Denn gleichsam am Grabe des Papstes, in der polnischen Delegation am Petersplatz in Rom, wurden zwei Männer zueinandergeführt, deren Gegnerschaft über Jahre eine Konstante war: Präsident Kwasniewski, ein Abkömmling der alten kommunistischen Eliten, und sein Vorgänger im Amt, der Arbeiterführer aus Zeiten des antikommunistischen Widerstands Lech Walesa. Die Idee, Walesa möge in der Entourage des Präsidenten nach Rom mitfliegen, war ursprünglich von Kwasniewski ausgegangen. Walesa, der dem ehemaligen Kommunisten die Rührung beim Tod des Papstes offenbar nicht abnimmt, lehnte zunächst ab. Zu viele Dinge habe sein Nachfolger getan, die den Lehren des Verstorbenen widersprochen hätten, ließ er wissen. Jetzt aber hat er offenbar die Meinung geändert; Walesa flog nun doch mit dem Präsidenten nach Rom, wie das Präsidialamt bestätigte.

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