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Polen : Die große Angst des Stanislaw Wielgus

Stanislaw Wielgus: „Ich habe davor große Angst” Bild: dpa

War der Mann, der Polens höchster Geistlicher werden soll, ein williger und zynischer Spitzel der Staatssicherheit? Der tiefe Fall des Erzbischofs trifft Polen zu einer Zeit, in der dort ohnehin heftig über den Umgang mit den Geheimdienstarchiven gestritten wird.

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          Anfangs waren die Gespräche der Agenten der kommunistischen polnischen Staatssicherheit mit dem jungen Priester „ein konsequent geführter Dialog mit dem Ziel, die Widerstände des Kandidaten zu mildern“. Aber dann „wuchs sein Vertrauen“, und er „teilte den Mitarbeitern der Staatssicherheit immer freier seine eigene Sicht und Meinung mit“. In etwa 50 Begegnungen mit den Geheimdienstlern im Laufe von etwas mehr als fünf Jahren habe er „eine Reihe konkreter Informationen“ übermittelt.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          So soll er weitere Kandidaten für „operative Gespräche“ an der Katholischen Universität Lublin genannt, Charakteristiken von Priestern und Wissenschaftlern erstellt und über die Stimmung unter dem Lehrpersonal der Hochschule und den Gläubigen in Lublin während der politischen Krisen im März 1968 und Dezember 1970 berichtet haben.

          Korruption und politische Schlammschlachten

          Die Zitate stammen aus einem Bericht der Führungsagenten des jungen Priesters vom Oktober 1973, der mit anderen Dokumenten aus seiner Geheimdienstakte am Donnerstag von der Zeitung „Gazeta Polska“ im Internet veröffentlicht worden ist. Der Fall des Geistlichen könnte Polen in seinen Grundfesten erschüttern, denn in den von Historikern für echt erachteten Dokumenten geht es um Erzbischof Stanislaw Wielgus, der am Sonntag feierlich in das höchste Amt der katholischen Kirche des Landes, des Metropoliten von Warschau, eingeführt werden soll.

          Korruption, politische Schlammschlachten und eine erschreckende Jugendgewalt haben in den vergangenen Jahren das Vertrauen der Polen in die staatlichen Institutionen und in die eigene Gesellschaft schwinden lassen. Weitgehend unberührt davon war bis jetzt als moralische Autorität nur die katholische Kirche, der 90 Prozent der Bevölkerung angehören. Doch nun sieht sich die Kirchenführung wegen ihres Umgangs mit dem Fall Wielgus einer vor kurzem noch kaum vorstellbaren Kritik ausgesetzt - und zwar vor allem von kirchentreuen katholischen Publizisten.

          Jemand wolle ihn „vernichten“

          Als die radikal antikommunistische Zeitung „Gazeta Polska“ kurz vor Weihnachten erstmals berichtete, der demnächst einflussreichste Geistliche Polens habe mehr als 20 Jahre dem kommunistischen Geheimdienst gedient und sei ein „außergewöhnlich zynischer Agent“ gewesen, hatte Erzbischof Wielgus noch große Teile der polnischen Öffentlichkeit auf seiner Seite - schließlich konnte das sehr aggressiv die Enttarnung einstiger Agenten fordernde Blatt keine Belege für seine Behauptung vorbringen.

          Die polnische Bischofskonferenz verteidigte den so Angegriffenen umgehend und sprach von einem Angriff auf die Kirche, der dem liberalen Teil des Episkopats zugerechnete Wielgus vermutete, jemand wolle ihn „vernichten“, weil seine Ansichten nicht genehm seien, und der Lubliner Erzbischof Józef Zycinski forderte die Gläubigen zum Boykott von Zeitungen auf, die „auf nichts gestützte Beschuldigungen“ veröffentlichten.

          Kontakte mit der Staatssicherheit nie bestritten

          Doch gerade diese Abwehrhaltung, in der kein Wille zur Aufklärung der Vorwürfe erkennbar war, trug stark dazu bei, dass der Druck wuchs. Statt um die Offenlegung seiner Geheimdienstakten zu bitten, erklärte Wielgus, ihr Inhalt interessiere ihn nicht. Schließlich kündigte er in einem am 2. Januar erschienenen Interview mit der liberalen „Gazeta Wyborcza“ an, gleich nach seiner Amtseinführung werde er die Historische Kommission der polnischen Bischöfe bitten, die ganze Angelegenheit aufzuklären.

          Erst unter dem Eindruck der wachsenden Kritik erklärte er sich dann doch am selben Tag einverstanden, dass seine Akten noch vor der Feierlichkeit am Sonntag untersucht werden. Dass solche Akten existieren, stand von Anfang an schon allein deshalb außer Zweifel, weil die katholische Kirche immer die besondere Aufmerksamkeit der Unterdrückungsinstrumente des kommunistischen Staates genoss.

          Zudem hatte der Erzbischof Kontakte mit der Staatssicherheit nie bestritten: Er habe keine andere Möglichkeit gehabt, als er sich 1973 um ein Humboldt-Stipendium in Westdeutschland bewarb und dafür einen Auslandspass benötigte. Diese Aussage war insofern nicht unglaubwürdig, als der Geheimdienst bei solchen Anlässen seine Macht tatsächlich häufig dafür zu nutzen versuchte, Mitarbeiter zu gewinnen.

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