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Polen : Cockpit-Mitschnitt veröffentlicht

An der Absturzstelle in Smolensk Bild: AP

Nach dem Absturz der Maschine des polnischen Präsidenten sind die Aufzeichnungen der Black Box veröffentlicht worden. Sie geben Auskunft über die dramatischen letzten Minuten im Cockpit. Trotzdem bleibt die zentrale Frage offen.

          2 Min.

          Die polnische Regierung hat am Dienstag die Aufzeichnungen der Gespräche veröffentlicht, die in den letzten Minuten vor dem Absturz des polnischen Präsidentenflugzeugs in Smolensk am 10. April im Cockpit geführt worden sind. Bei dem Unglück waren alle 96 Menschen an Bord umgekommen, unter ihnen Präsident Lech Kaczynski, dessen Gattin, zahlreiche führende Politiker aller Parlamentsparteien und die gesamte militärische Führung des Landes. Die Stenogramme, die der polnische Innenminister Miller am Montag von den russischen Behörden erhalten hat, bestätigen, dass die Piloten des Militärflugzeuges, mit dem Lech Kaczynski am Flughafen Sjewernij nahe der russischen Stadt Smolensk verunglückt ist, von den russischen Fluglotsen wegen dichten Nebels vor der Landung gewarnt worden sind. Sie bestätigen auch, dass die Piloten zweimal während des Fluges von mitreisenden Fluggästen besucht worden sind - einmal vom Protokollchef des Außenministeriums, das zweite Mal vom Chef der polnischen Luftwaffe, Generaloberst Blasik. Allerdings ist bei keinem der beiden Besuche zu erkennen, dass die Piloten direkt unter Druck gesetzt worden wären, trotz der Warnungen zu landen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die polnische Delegation war auf dem Weg zu einer Gedenkfeier nach Katyn. An diesem Ort in der früheren Sowjetunion sowie an anderen Plätzen waren auf Befehl Stalins im Jahr 1940 knapp 22.000 polnische Offiziere, Priester und Beamte ermordet worden. Bald nach dem Unglück war in der polnischen Presse die Frage gestellt worden, ob der tragisch verlaufene Landeanflug des Präsidentenflugzeugs bei dichtem Nebel auf das Drängen von Passagieren zurückzuführen sei.

          „Na, dann haben wir ein Problem“

          Aus den jetzt veröffentlichten Mitschriften lässt sich diese Frage aber nicht beantworten. Klar ist, dass die russischen Fluglotsen die polnische Besatzung vor der Landung gewarnt haben. Als etwa eine Viertelstunde vor dem Unglück der Protokollbeamte in der Kabine erschien, um sich offenbar nach den Möglichkeiten einer Landung zu erkundigen, erhielt er von einem der Piloten die Auskunft: „Jetzt, unter diesen Bedingungen schaffen wir es nicht.“ Er antwortete: „Na, dann haben wir ein Problem.“ Einige Minuten darauf erschien er wieder mit der Auskunft: „Im Augenblick gibt es vom Präsidenten keine Entscheidung, was weiter zu tun ist.“

          Die Aufzeichnungen, die am Dienstag in russischer und polnischer Sprache veröffentlicht wurden, geben einen genauen Einblick in die dramatischen letzten Minuten des Fluges. Knapp zwei Minuten vor dem Absturz erschien im Cockpit eine Person, die in den Aufzeichnungen als General Blasik beschrieben wird, der Oberbefehlshaber der polnischen Luftwaffe war. Von ihm wird nirgendwo wahrnehmbar, dass er zur gefahrvollen Landung drängte, aber er riet den Piloten offenbar auch nicht von dem Manöver ab.

          Die letzten Sekunden des Fluges gestalten sich chaotisch. Eine knappe Minute vor dem Absturz wird das automatische Warnsystem TAWS mit der Meldung „Terrain ahead“ (Boden voraus) hörbar, sowie mehrere akustische Signale. Dann kommt das Signal „Pull up“ (Hochziehen). Dennoch setzt die Maschine ihren Sinkflug im Nebel fort, auch nachdem der Kopilot wenige Sekunden vor dem Ende der Aufzeichnung „Weg hier!“ ruft. Die letzten Sekunden des Fluges sind von Ausrufen begleitet, die die russische Version des Textes als „unanständig“ beschreibt. In der polnischen Version allerdings wird erkennbar, dass die Piloten nach dem ersten Aufprall eines Flugzeugflügels an einen Baum ebenso wie General Blasik den polnischen Fluch „Kurwa“ ausgestoßen haben. Die polnische Regierung rechtfertigte die Veröffentlichung der Kraftausdrücke mit dem Argument, jede Streichung hätte zu Spekulationen und Verschwörungstheorien geführt.

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