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Madrider Terrorprozess : Plädoyers, Indizienbeweise, aber keine Geständnisse

  • Aktualisiert am

Der Ägypter El Sayed gilt als Drahtzieher der Anschläge Bild: REUTERS

Mit den letzten Plädoyers der Verteidigung ist in Madrid die mündliche Phase des Prozesses wegen der Anschläge vom März 2004 zu Ende gegangen. Mehr als 300 Zeugen wurden gehört, es gab aber kein einziges Geständnis.

          Mit den letzten Plädoyers der Verteidigung und der Gelegenheit zu Schlussworten für die Angeklagten ist am Montag in Madrid die mündliche Phase des Terroristenprozesses wegen der Anschläge vom 11. März 2004 zu Ende gegangen. Die Urteile gegen die verdächtigen Islamisten, für die die Staatsanwaltschaft jeweils bis zu vierzigtausend Jahre Gefängnis verlangt hat, sollen im Oktober verkündet werden.

          In dem Verfahren, das am 15. Februar begann und bei dem mehr als dreihundert Zeugen und zahlreiche Sachverständige gehört wurden, gab es kein einziges Geständnis von Seiten der Hauptverdächtigen. Insgesamt waren 29 Personen – überwiegend Araber aus dem Maghreb und dem Nahen Osten und dazu einige als „Sprengstofflieferanten“ geltende Spanier – angeklagt, direkt oder indirekt an dem Massaker beteiligt gewesen zu sein. Ein Angeklagter wurde zu Beginn dieses Monats freigesprochen. Bei simultanen Bombenattentaten auf vier Madrider Vorortzüge waren im März 2004 191 Menschen getötet und 1841 zum Teil schwer verletzt worden.

          Harmlose Einwanderer?

          Vor Gericht präsentierte die Staatsanwaltschaft eine Fülle von Indizienbeweisen und Aussagen von Augenzeugen, die mehrere der Angeklagten als direkte Täter, Drahtzieher oder Helfershelfer belasten. Eine besondere Rolle kam dabei DNA-Analysen zu. Die arabischen Angeklagten, die zumeist nur auf Fragen ihrer Anwälte antworteten, bestritten ausnahmslos alle Vorwürfe und bezeichneten sich als harmlose – zum Teil illegale – Einwanderer, die in Spanien nur Geld verdienen wollten.

          Anwalt Zulueta: „Falsche Angaben der Polizei”

          Sie leugneten auch konsequent, jemals an den Orten gewesen zu sein, an denen die Polizei ihre Haare, Fingerabdrücke oder Spuren ihres Speichels auf Dattel- und Olivenkernen gefunden hatte. Ein junger Spanier, der als Handlanger eingesetzt worden war, gestand hingegen seine Helferrolle für Landsleute, die den Sprengstoff besorgt haben sollen. Diese Angeklagten beharrten jedoch darauf, keine Ahnung von dem Verwendungszweck desselben gehabt zu haben.

          Keine Zusammenarbeit mit Eta

          Während der viereinhalb Verhandlungsmonate wurde ferner eine Reihe von „Verschwörungstheorien“ untersucht. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, ob die baskische Terrororganisation Eta hinter den Anschlägen steckte, wie ursprünglich die Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Aznar behauptet hatte.

          Bei der Analyse des Dynamits wurde jedoch klar, dass es sich dabei um den Typ „Goma 2 Eco“ und nicht um „Titadyne“, wie es üblicherweise von den Etarras benutzt wird, gehandelt hat. Die Beweisaufnahme erbrachte auch keinerlei andere glaubwürdige Hinweise auf eine Zusammenarbeit zwischen Eta und den angeklagten Islamisten.

          „Falsche Angaben“

          Am Montag wies der Anwalt des als Hauptdrahtzieher angeklagten Ägypters Rabei Osman El Sayed nicht nur die Vorwürfe gegen seinen Mandanten zurück. Er hielt der Polizei vor, diesen mit „falschen Angaben“ als eine „gefährliche Person“ porträtiert zu haben.

          Der Ägypter, der im Juni 2004 in Italien festgenommen und dort schon von einem Gericht zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde, hat sich nach Darstellung der Anklage selbst auf abgehörten Telefongesprächen der geistigen Urheberschaft des Massenmordes gebrüstet. Vor Gericht bestritt er indes, wie zuvor schon in Italien, dass dies seine Stimme gewesen sei. Der Verteidiger, der einen Freispruch verlangte, schloss mit der Frage: „Als er verhaftet wurde, hatte er 1,63 Euro bei sich. Ist das ein Führer von Al Qaida?“

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