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PKK : Der kurdische Krieg der Türkei

Konfrontation: Türkische Soldaten stehen kurdischen Demonstranten in der Provinz Sirnak gegenüber. Bild: AFP

Die türkische Armee verliert im Südosten des Landes die Kontrolle über einzelne Gebiete an die Terrororganisation PKK. Die Kämpfe sind dort voll entbrannt.

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          Manchmal prägen Politiker Sätze, die ihnen bis ans Lebensende vorgehalten werden. Vielleicht wird die aus dem Wahlkampf des Jahres 2011 stammende Aussage des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, es gebe in seinem Land kein „Kurdenproblem“ mehr, einmal als eine solche Aussage gewertet werden. „Unsere kurdischen Geschwister mögen Probleme haben. Aber die Türkei hat kein Kurdenproblem“, verkündete Erdogan seinerzeit.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die kurdischen Geschwister sehen das offenbar anders. Erdogan mag kein Kurdenproblem haben, die Türkei hat eines. Angespornt von den Entwicklungen in Syrien, wo Kurden im Norden des zerfallenden Staats Gebiete kontrollieren, hat die kurdische Terrororganisation PKK die Schlagzahl ihrer Attentate und Überfalle in der Türkei deutlich erhöht. Seit August vergeht kaum ein Tag ohne gewaltsame Zusammenstöße zwischen PKK-Kämpfern und türkischen Sicherheitskräften. Ob die Tat des Selbstmordattentäters, der sich am Dienstag vor einer Polizeiwache in Istanbul in die Luft sprengte und dabei auch einen Polizisten mit den Tod riss, ebenfalls ein Akt des kurdischen Terrorismus war, stand zunächst zwar noch nicht fest. Doch die Tat ähnelt einem ähnlichen Anschlag vor zwei Jahren auf dem Istanbuler Taksim-Platz, zu dem sich kurdische Terroristen bekannten.

          Im Südosten des Landes sind die Kämpfe zwischen der PKK und dem türkischen Staat voll entbrannt. Offenbar kontrollieren kurdische Freischärler inzwischen sogar einige Gebiete der besonders unruhigen Provinz Hakkari. Fest steht: In einigen Landstrichen Südostanatolien herrschen kriegsähnliche Zustände. Einer am Montag veröffentlichten Statistik der türkischen Streitkräfte ist zu entnehmen, dass die Armee zwischen Februar und August dieses Jahres fast 1000 „Militäroperationen“ gegen die PKK ausgeführt hat. Dabei wurden nach Angaben der Armee mehr als 300 PKK-Kämpfer getötet. Der Generalstab in Ankara steht in der Kritik, weil der Blutzoll für die Soldaten ebenfalls hoch ist. Von schlecht gesicherten und daher leicht zu überfallenden Außenposten der Armee im irakisch-türkischen Grenzgebiet ist die Rede, von unvollkommen ausgebildeten und mangelhaft ausgerüsteten Einheiten auch. Wenig überzeugend traten die Generäle der (nicht neuen) Beschuldigung entgegen, die Armee verheize im Kampf gegen die PKK unerfahrene Rekruten. Die Zahl der „Märtyrer“, wie die im Kampf gegen den kurdischen Terrorismus ums Leben gekommenen Männer im offiziellen Sprachgebrauch heißen, beträgt in diesem Jahr laut Zählung der Armee bisher 88 - Stichtag 6. September. Fast täglich muss die Zahl nach oben korrigiert werden.

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