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Piraten in Somalia : Die Hintermänner sitzen an Land

Große Haie oder kleine Fische? Bewaffnete Mitglieder einer Piratenmiliz neben Fischerbooten im August 2010 im somalischen Hobyo Bild: Jehad Nga/The New York Times/Redux/Laif

Die EU will ihre Marinekräfte gegen Piraten „am Strand“ wirken lassen. Verteidigungsminister de Maizière weiß: Mit den bisherigen Maßnahmen auf See ist kein Ende der Piraterie in Sicht.

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          Die „Enrico Ievoli“ ist ein Tankschiff mit einem - nach den Fotos im Internet - mittschiffs niedrigen Freibord. Ein Schiff also, wie es sich die Piraten vor Ostafrika gerne als Opfer für einen Kaperversuch ausgucken. Am frühen Dienstagmorgen ist ein Versuch erfolgreich gewesen. Nach Angaben des Reeders Marnavi aus Neapel sind 18 Seeleute an Bord, sieben Inder, sechs Italiener und fünf Ukrainer. „Die Piraten sind an Bord, aber uns allen geht es gut“, soll Kapitän Agostino Musumeci per Telefon nach Neapel übermittelt haben. Die Entführer hätten wohl die Absicht, den Tanker nach Somalia zu bringen.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Seit Jahren versuchen internationale Marinekräfte nun schon gegen das Seeräuberunwesen vor Ostafrika vorzugehen. Von der Bundesregierung und der Deutschen Marine werden immer wieder Erfolge vermeldet. Angriffe werden vereitelt, Konvois durch besonders gefährliche Gebiete geleitet, Hilfslieferungen des Welternährungsprogramms (WFP) für die von Krieg und Hungersnöten geschundene somalische Bevölkerung geschützt.

          Der Schutz der Hilfslieferungen ist ausdrücklich als vorrangiges Ziel im Mandat für die europäische „Atalanta“-Marinemission festgeschrieben. Vor allem aber sind es die strategischen Interessen Deutschlands, die in Berlin Handlungsdruck erzeugen. Die deutsche Wirtschaft beruht auf dem Export, mehr als vier Fünftel des deutschen schweren Güterferntransports werden über See abwickelt und die deutschen Reeder sind führend in der Welt.

          Ende des Marineeinsatzes „nicht abzusehen“

          Es sind nicht nur die drei Fregatten mit vier Bordhubschraubern sowie drei Aufklärungsflugzeuge von „Atalanta“, die in der Seeregion tätig sind. Auch Kriegsschiffe der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Chinas, Indiens und vieler weiterer Staaten bis hin zu Iran, insgesamt meist zwischen zwanzig und dreißig Schiffe, sind aktiv gegen Piraterie. Auch die Handelsschifffahrt hat hinzugelernt. Die Frachter und Tanker werden besser geschützt, auch durch private Sicherheitsteams - bislang wurde noch kein einziger Fall bekannt, in dem ein mit bewaffnetem Personal geschütztes Schiff gekapert wurde. Die Erfolgsquote der Piraten sinkt dementsprechend: Auf immer mehr Versuche in einem immer größeren Seeraum kommen immer weniger Entführungen. Aber dass es sie weiterhin gibt, zeigt - wie zu befürchten ist, nicht zum letzten Mal - das Beispiel der „Enrico Ievoli“.

          „Damit wird der Kampf gegen die Piraten nicht gewonnen“, stellte Verteidigungsminister de Maizière während eines Besuchs in Djibouti am Horn von Afrika denn auch fest. Ein Ende der Piraterie werde es erst geben, wenn sich die politische Lage in Somalia stabilisiere. Das Ende des internationalen Marineeinsatzes sei daher derzeit „nicht abzusehen“. Denn die Piraterie ist für die, die von ihr profitieren, viel zu lukrativ, als dass der Gegendruck durch die internationalen Marinekräfte sie unterbinden könnte. Für die Freilassung der „Savina Caylyn“ am 21. Dezember sollen neun Millionen Dollar an Lösegeld bezahlt worden sein. Und das Risiko ist gering. Werden Piraten geschnappt, so müssen sie meist mangels konkreter Beweise oder mangels eines Staates, der die Strafverfolgung übernehmen will, wieder freigelassen werden. Nur selten kommt es zu wirklichen Haftstrafen wie in dem Fall der vier auf ihrer Yacht ermordeten amerikanischen Staatsbürger - für diese Tat sind Mitte Dezember zwei Männer in den Vereinigten Staaten zu lebenslanger Haft verurteilt worden, elf weitere sind angeklagt.

          Somalia

          Das eigentliche Problem, da sind sich Politiker, Militärs und Beobachter einig, kann nur an Land gelöst werden. Einen ersten Schritt will nun die EU wagen. „Zerstörung von Einrichtungen am Strand“ lautet der Auftrag an die Operateure. Man wird sich wohl darunter vorstellen können, dass von den Kriegsschiffen Hubschrauber aufsteigen, die mit ihren schweren Maschinengewehren die Sturmboote und kleineren Mutterschiffe („Whaler“) unter Feuer nehmen. Im nächsten Frühjahr will die Deutsche Marine statt einer Fregatte den Einsatzgruppenversorger „Berlin“ ans Horn von Afrika schicken. Das sieht zunächst „ziviler“ aus, das Schiff gleicht einem grau gestrichenen Containerfrachter. Doch kann es einen Bordhubschrauber („Sea King“) tragen, der eine deutlich größere Reichweite hat als der auf den Fregatten eingesetzte „Sea Lynx“. Offen ist auch die Frage, ob für die notwendige Aufklärung Spezialkräfte an Land operieren müssen.

          Doch auch das neue Konzept muss erst noch bewilligt werden. Dem Vernehmen nach würden die Briten und Franzosen gerne noch weiter gehen und mit amphibischen Bodentruppen Piratennester angreifen (auch wenn die eigentlichen Strippenzieher nach Einschätzung von Fachleuten weit weg sitzen, etwa in Nairobi). Das wird aber mit den Deutschen vorerst kaum zu machen sein.

          Bedenken macht in Berlin die FDP geltend. Es bestehe die Gefahr einer Eskalation, die Geiseln an Bord gekaperter Schiffe könnten Repressalien ausgesetzt werden, und auf jeden Fall werde es schwierig werden, Zivilisten zu schützen, mahnt die FDP-Politikerin Elke Hoff. „Das ist eine heikle Sache.“ Jedenfalls würde man Aufklärung am Boden benötigen. „Das kann man nicht allein aus der Luft machen.“

          Mehr als 230 Angriffe im Jahr 2011

          Das Internationale Seefahrtsbüro listet in seiner Statistik für das Jahr 2011 bisher rund 231 Angriffe somalischer Piraten auf, darunter Übergriffe auf Frachtschiffe sowie missglückte Schiffsentführungen. In 26 Fällen wurden Schiffe tatsächlich entführt. Als Geiseln genommen wurden insgesamt 450 Besatzungsmitglieder. Viele Schiffe und deren Besatzung konnten allerdings durch das Eingreifen von Kriegsschiffen später wieder befreit werden.

          Nach Angaben des Internationalen Seefahrtsbüros vom Dezember befanden sich zum Zeitpunkt der Erhebung zehn Schiffe und 172 Geiseln in der Gewalt somalischer Piraten. Die EU-Operation „Atalanta“ gab in ihrer Statistik vom 14. Dezember hingegen an, sieben Frachtschiffe befänden sich in der Hand somalischer Piraten. Hinzu komme eine unbekannte Anzahl entführter kleinerer Segelschiffe und Fischerboote. Unter den entführten Frachtschiffen befindet sich nach Angaben von „Atalanta“ eines bereits seit Ende März 2010 in Piratenhand. Das Schiff war damals vor der jemenitischen Hafenstadt Aden gekapert worden. Noch drei der sechs anderen gekaperten Frachtschiffe seien schon im Jahr 2010 entführt worden. Im August 2011 sei ein Frachtschiff direkt im Hafen der omanischen Stadt Salalah gekapert und gezwungen worden, die somalische Küste anzusteuern. Ende Oktober ist nach „Atalanta“-Angaben ein griechischer Chemietanker entführt worden. Doch ändert sich die Zahl entführter Schiffe beständig: Kurz vor Weihnachten wurde ein italienisches Schiff freigelassen, in dieser Woche wurde ein ebenfalls Schiff aus Italien gekapert. (marw.)

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