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Nobelpreisträger Hasselmann : Merkels Klimamagier

Klaus Hasselmann am Dienstag in Hamburg Bild: Reuters

Angela Merkel und Klaus Hasselmann haben sich kennengelernt, als die Kanzlerin noch Umweltministerin war. Er lieferte ihr die Daten für den Klimagipfel in Kyoto. Seine Auszeichnung mit dem Physiknobelpreis ist auch ein politisches Zeichen.

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          Auf Angela Merkel dürfte Klaus Hasselmann, als sie sich einmal in Hamburg trafen, gewirkt haben wie ein mathematischer Magier. Sie, die junge Umweltministerin im Kabinett Kohl, und er, der anerkannte Klimaforscher, spazierten gemeinsam durch den Campus. Zwei Physiker. Hasselmann war der unumstrittene Experte für das, was damals wissenschaftlich schon als Klimakatastrophe bezeichnet wurde. Und Hasselmann klang seinerzeit genau wie Merkel so, wie wir das heute von streikenden Schülerinnen gewöhnt sind: aktivistisch.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Nur hatte Hasselmann eben das physikalische Wissen und die mathematischen Instrumente im Kopf, die Merkel für die Vorbereitung des dritten Weltklimagipfels in Kyoto dringend benötigte. Der Gründungsdirektor des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie erläuterte also der jungen Ministerin beim Spaziergang, wie die Welt in zwanzig, fünfzig und hundert Jahren aussehen könnte, wahrscheinlich sogar im Jahr 3000, denn so weit reichten Hasselmanns Modell-Projektionen. Und Merkel? Für sie war das Neuland, faszinierend.

          Hasselmann war sich seiner Sache sehr sicher. Seine damals noch jungen sozioökonomischen Modelle, „dynamische, integrierte Multi-Akteuren-Modelle“, waren ausgewachsene ökonomische Computermodelle, die der Abschätzung der Klimawandelfolgen dienten und in der Forschergemeinde für einiges Aufsehen sorgten. Denn mit ihrem Bezug zur Wirtschaft und zur Politik hatten sie das Zeug, die politische Klasse stärker in die Pflicht für eine rigide Klimapolitik zu nehmen. Was die Modelle allerdings ausspuckten, war für die meisten Mächtigen damals offensichtlich unverdaulich. Kaffeesatzleserei war noch eine der vornehmeren Formulierungen. Politische Durchschlagskraft jedenfalls entwickelten Hasselmanns hyperkomplexe Modelle lange nicht.

          Was muss es deshalb für den inzwischen fast neunzigjährigen gebürtigen Hamburger eine Genugtuung sein, dass das Preiskomitee ihm – zusammen mit dem japanischen Erdsystem-Modellierer Syukuro Manabe – die eine Hälfte des Physik-Nobelpreises zugesprochen hat. Nicht für seine sozioökonomischen Modelle, sondern für seine fundamentalen Arbeiten zur Entwicklung der ersten umfassenden Atmosphären-Ozean-Modelle. Mit ihnen hat er in Hamburg und vorübergehend am Scripps-Institut in La Jolla sowie an der Woods Hole Oceanographic Institution bewiesen, was politisch auch heute noch hoch brisant ist – und wogegen Physik-Dilettanten heute noch immer lobbyieren: dass die Klimamodelle auf solider Physik beruhen und fundierte Vorhersagen des Weltklimas treffen können, auch wenn sich das Wetter lediglich ein paar Tage verlässlich voraussagen lässt. So gesehen, ist die Auszeichnung Hasselmanns und Manabes auch eine der seltenen politischen Botschaften des Physik-Nobelpreiskomitees an die Welt.

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