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PEW-Studie : Deutschsein hängt für viele nicht vom Geburtsort ab

Ein Mann aus Kamerun bei einer Einbürgerungszeremonie Bild: dpa

Was macht jemanden zum Briten, Deutschen, Amerikaner? Eine internationale Studie über nationales Selbstverständnis sorgt für Überraschungen. Auf eine Sache legen Mehrheiten in allen Staaten besonderen Wert.

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          Der Erfolg rechtspopulistischer Parteien, der Brexit, die Zustimmung für Trumps Mauerbaupläne, das amerikanische Einreiseverbot für Muslime – all diese Ereignisse und Entscheidungen haben eines gemeinsam: Sie wurden befeuert durch den Unmut vieler Menschen über die – realen oder als real empfundenen – Folgen von Einwanderung. Mit den Flüchtlingsströmen der vergangenen Jahre ist in vielen westlichen Gesellschaften eine Diskussion darüber entbrannt, wie offen die nationalen Grenzen sein sollen und wie Migranten und Flüchtlinge eine Gesellschaft verändern.

          Anna-Lena Ripperger
          Redakteurin in der Politik.

          Doch was bedeutet es, ein „echter“ Amerikaner, Deutscher oder Brite zu sein? Welche Voraussetzungen jemand erfüllen muss, um von anderen als vollwertiger Bürger eines Staates anerkannt zu werden, hat ein Forscherteam des amerikanischen Pew Research Centers untersucht – mit einem erstaunlichen Ergebnis.

          Die Forscher befragten über 14.000 Personen in vierzehn Ländern zu der Verbindung zwischen nationaler Identität und den folgenden vier Aspekten: dem Geburtsort, dem Beherrschen der jeweiligen Landessprache, der Teilhabe an den landestypischen Sitten und Gebräuchen sowie der Religionszugehörigkeit.

          Es zeigt sich: Ob jemand in einem Land geboren wurde oder nicht, spielt in der Debatte um nationale Identität für viele Menschen eher eine nachgeordnete Rolle – und das unabhängig von den unterschiedlichen Staatsbürgerschaftsgesetzen in den Vereinigten Staaten und Europa. Nur 32 Prozent der Amerikaner gaben an, dass es für sie sehr wichtig ist, dass jemand in ihrem Land geboren wurde, um wirklich als Staatsbürger zu gelten. Ein Fünftel der Befragten findet das überhaupt nicht wichtig. Einwanderer der ersten und zweiten Generation machen mittlerweile fast ein Viertel der amerikanischen Bevölkerung aus.

          In den europäischen Ländern ist es im Mittel 33 Prozent der Befragten sehr wichtig, dass jemand in ihrem Land geboren wurde, wenn er wirklich dazugehören will. In Deutschland ist dieser Aspekt noch weniger Menschen wichtig: Nur für 13 Prozent der Befragten besteht eine starke Verbindung zwischen dem Geburtsort und der nationalen Identität. Im Vergleich der zehn europäischen Länder, die in der Studie untersucht wurden, achten nur in Schweden noch weniger Menschen auf den Geburtsort; dort sind es acht Prozent. Völlig anders sieht es bei Griechen und Ungarn aus: Etwa die Hälfte von ihnen misst dem Geburtsort hohe Bedeutung bei.

          Sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa zeigt sich, dass die Verbindung, zwischen Geburtsort und nationaler Identität von Personen mit höheren Bildungsabschlüssen seltener hergestellt wird. Unterschiedlich wirkt sich zwischen Amerikanern und Europäern aber die Parteizugehörigkeit aus: Während die amerikanischen Demokraten und Republikaner in dieser Frage nicht weit auseinanderliegen – für 32 beziehungsweise 35 Prozent muss ein echter Amerikaner auch in den Vereinigten Staaten geboren worden sein – tendieren in Europa die Anhänger politisch eher rechts verorteter Parteien dazu, den Aspekt des Geburtsortes stärker zu betonen als politisch linksorientierte Befragte.

          Sprachkenntnisse sind der Schlüssel

          Für eine Mehrheit der Befragten in allen Ländern ist es sehr wichtig, dass jemand die jeweilige Landessprache beherrscht, wenn er als Staatsbürger anerkannt werden will. Dieser Aussage stimmen 70 Prozent der Amerikaner zu. Dabei gibt es kaum Unterschiede zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen: jeweils sieben von zehn Weißen, Schwarzen und Hispano-Amerikanern halten das Beherrschen der englischen Sprache für wichtig. Einen deutlichen Unterschied gibt es in dieser Frage allerdings zwischen den Anhängern der republikanischen und der demokratischen Partei: 83 Prozent der Republikaner halten Sprachkenntnisse für eine sehr wichtige Voraussetzung, um voll und ganz Amerikaner zu sein. Bei den Demokraten sind nur 61 Prozent dieser Meinung.

          Auch in Europa stellt eine deutliche Mehrheit – im Mittel 77 Prozent – eine starke Verbindung zwischen nationaler Identität und Sprachkenntnissen her. Am stärksten ist diese Verbindung bei den Niederländern (84 Prozent), am schwächsten bei den Italienern (59 Prozent). Dabei fällt im europäischen Vergleich auf, dass das Beherrschen der jeweiligen Landessprache vor allem älteren Befragten (50 Jahre alt und älter) wichtig ist – und jenen, die politisch eher im rechten Wählerspektrum angesiedelt sind. Dass jemand Deutsch sprechen kann, ist 79 Prozent der Bundesbürger sehr wichtig. Nur zwei Prozent der Deutschen finden den Aspekt Sprache für die nationale Identität nicht oder nicht sehr wichtig.

          Die landestypische Kultur ist vor allem rechten Wählern wichtig

          Als eine weitere wichtige Voraussetzung, um als Teil einer Gemeinschaft anerkannt zu werden, galt viele Jahre lang die Anpassung an die Kultur eines Landes. Doch bei der Frage, wie wichtig dieser Aspekt für die nationale Identität tatsächlich ist, liegen die Meinungen in den verschiedenen Ländern zum Teil weit auseinander. Für vier von zehn Amerikaner spielt der Aspekt der Kultur eine wichtige Rolle, für weitere 39 Prozent der Befragten ist er zumindest einigermaßen relevant. Je älter und je weniger gebildet die Befragten sind, desto stärker betonen sie die Verbindung zwischen nationaler Identität und der Kultur ihres Landes. Auffällig ist außerdem der Unterschied zwischen Demokraten und Republikanern. Während nur 38 Prozent der Demokraten die Verbindung zwischen Kultur und Identität für sehr stark halten, ist sie für 60 Prozent der Republikaner sehr wichtig.

          Ähnlich sieht es auch in den europäischen Ländern aus: Hier liegt der Mittelwert im Hinblick auf die Verbindung zwischen der nationalen Identität und der Kultur eines Landes bei 48 Prozent. Doch die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern sind groß: Während Griechen und Ungarn die Teilhabe an Sitten und Gebräuchen für sehr wichtig halten, um als echter Grieche oder Ungar zu gelten (68 beziehungsweise 66 Prozent Zustimmung), halten Deutsche und Schweden diesen Aspekt für relativ unwichtig (29 beziehungsweise 26 Prozent Zustimmung).

          Auffällig ist dabei der Unterschied, den es im Hinblick auf die Verbindung zwischen Kultur und nationaler Identität zwischen dem eher rechts und dem eher links orientierten Wählerspektrum gibt. Die politisch eher rechtsorientierten Befragten neigten viel eher dazu, beide Aspekte zu verbinden. In Deutschland gibt es im Hinblick auf diese Frage eine Lücke von 22 Prozentpunkten zwischen denen, die der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland nahe stehen und denen, die es nicht tun. In Frankreich und Großbritannien ist diese Lücke im Hinblick auf die Unterstützer von Ukip und Front National sogar noch größer: Sie liegt bei 29 beziehungsweise 30 Prozentpunkten. Auch das Alter der Befragten spielt in dieser Frage eine große Rolle. Dabei gilt: Je älter die Befragten, desto eher ziehen sie eine starke Verbindung zwischen nationaler Identität und der Kultur eines Landes.

          Sag, wie hast du’s mit der Religion?

          Insgesamt wird die Verbindung zwischen der Religionszugehörigkeit und der nationalen Identität von den meisten Befragten als nicht besonders stark eingestuft. Im Mittel sagten nur 15 aller Befragten, dass es wichtig sei, Christ zu sein, um als vollwertiger Staatsbürger zu gelten. Der Zusammenhang zwischen Religionszugehörigkeit und nationaler Identität wird vor allem in den Vereinigten Staaten hergestellt, wo es 32 Prozent der Befragten für sehr wichtig halten, dass jemand Christ ist, wenn er als echter Amerikaner gelten will.

          Je nachdem, wie religiös die befragten Amerikaner selbst sind, variiert dieser Wert aber stark, nämlich zwischen 11 (wenig, kaum oder nicht religiös) und 57 Prozent (sehr religiös). Auch das Alter der Befragten spielt bei dieser Einschätzung eine Rolle: Für Amerikaner unter 35 Jahren ist die Religionszugehörigkeit weniger wichtig als für diejenigen, die 50 Jahre alt und älter sind. Auch Republikaner und Demokraten sind in dieser Frage unterschiedlicher Meinung. Für vier von zehn Anhängern der republikanischen Partei ist klar: Christ zu sein, macht einen Amerikaner aus. Nur 29 Prozent der Demokraten teilen diese Ansicht.

          Innerhalb der europäischen Länder variiert die Bedeutung, die der Religionszugehörigkeit beigemessen wird, stark. In Griechenland spielt sie eine große Rolle: 54 Prozent der Befragten halten das Christsein für eine notwendige Voraussetzung, um als Teil der Gemeinschaft anerkannt zu werden. In Deutschland stellen nur 11 Prozent der Befragten eine starke Verbindung zwischen der Nationalität und dem christlichen Glauben her; unter den politisch linksorientierten Befragten sind es sogar nur 5 Prozent. Das unterscheidet Deutschland von anderen europäischen Ländern wie Polen, Italien, Ungarn und Griechenland, wo die Religion für linke Wählergruppen eine gewichtigere Rolle spielt (21 bis 40 Prozent Zustimmung).

          Wie wird man ein „echter“ Deutscher?

          Insgesamt zeigt sich: Um als echter Amerikaner zu gelten, sollte man die englische Sprache beherrschen und sich mit den landestypischen Sitten und Gebräuchen auseinandersetzen. Für eine Mehrheit der Befragten Amerikaner spielt dabei auch der Geburtsort eine Rolle. Bei der Frage, ob man als Amerikaner auch Christ sein muss, gehen die Meinungen allerdings auseinander: Ein Drittel der Befragten findet diesen Aspekt sehr wichtig, ein Drittel findet ihn überhaupt nicht wichtig.

          Die Befragten in den zehn untersuchten europäischen Ländern sind sich darin einig, dass die Sprache eine grundlegende Rolle für die nationale Identität spielt. Diese Ansicht teilen im Mittel 97 Prozent der Befragten. Bei allen anderen Aspekten ist das Bild, das die Studie zeichnet, differenzierter: Im Mittel halten 86 Prozent die Teilhabe an der landestypischen Kultur für zumindest einigermaßen wichtig. Die Rolle des Geburtsortes halten im Mittel 58 Prozent für sehr oder einigermaßen wichtig. Die Verbindung zwischen Religionszugehörigkeit und nationaler Identität bewerten die meisten Befragten als wenig oder gar nicht relevant. 

          Und den Deutschen, was ist ihnen wichtig, wenn es darum geht, ein „echter“ Deutscher zu sein? Vor allem wichtig, dass jemand die deutsche Sprache beherrscht. Der Geburtsort, die Teilhabe an der landestypischen Kultur und die Religionszugehörigkeit halten sie für weniger relevant als viele ihrer europäischen Nachbarn.

          Für die Studie „What It Takes to Truly be ‚One of Us‘“ befragte das Pew Research Center zwischen dem 4. April und dem 29. Mai 2016 14.514 Menschen in vierzehn Ländern, in den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und Japan, sowie in Ungarn, Griechenland, Italien, Polen, Spanien, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden, Deutschland und Schweden.

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