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Petro Poroschenko : Der Stabilisierer unter Druck

Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine, spricht mit Soldaten während eines Besuchs auf einer Militärbasis in der Region Tschernigiw. Bild: dpa

Als die Ukraine 2014 am Abgrund stand, gewann Petro Poroschenko klar die Präsidentenwahl – und stabilisierte daraufhin das Land. Doch nun ist der Konflikt mit Russland wieder eskaliert. Und der Politiker muss um seine Wiederwahl bangen.

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          In seinem ersten Leben – als Unternehmer – hatte er vermutlich etwas weniger Stress. Gerade erlebt Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine, eine weitere Windung im Krieg mit Russland und dessen Helfershelfern. Zunächst, 2014, war es ein „Sitzkrieg“; auf der Krim leisteten ukrainische Soldaten in umzingelten Kasernen passiven Widerstand. Dann wurde es ein heißer Krieg, schließlich ein Stellungskrieg: Fast täglich, vor allem nachts, wird geschossen, aber die „Front“ bewegt sich allenfalls um ein paar Meter. Denn die Waffenstillstandslinie ist ja in den Minsker Vereinbarungen festgeschrieben.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Am späten Sonntag haben nun russische Grenztruppen ein Schiff der ukrainischen Marine beschossen und drei ihrer Schiffe aufgebracht. In der Nacht zum Montag tagte in Kiew der Nationale Sicherheitsrat, dessen Oberhaupt der Präsident ist. Er empfahl dem Parlament, im Land den Kriegszustand zu verhängen. Die Abgeordneten stimmten dem zu. Poroschenko erklärte auf Twitter, dass „Kriegszustand keine Kriegserklärung bedeutet“ und schon gar nicht Aktivitäten außerhalb der Landesgrenzen, sondern „ausschließlich der Verteidigung der Ukraine“ dient.

          Erst Unternehmer, dann auch Politiker

          Petro Poroschenko wurde 1965 in Bolhrad unweit des Donaudeltas geboren. Sein Vater hat nacheinander mehrere Fabriken geleitet. Der Sohn leistete seinen Dienst in der sowjetischen Armee und studierte Wirtschaftswissenschaft. Früh heiratete er eine Medizinstudentin, seine heutige Frau Maryna; das Paar hat vier Kinder.

          In der Perestrojka-Zeit begann Poroschenkos Interesse für Außenhandel. Hier sind die Wurzeln seiner unternehmerischen Tätigkeit, die ihn mit seiner Süßwarenfirma „Roshen“ zum „Schokoladenkönig“ des Landes machen sollte. Doch er ging auch in andere Branchen: So war er Besitzer einer Werft in Kiew, die unter anderem Kampfschiffe für die Marine baute; zwei dieser Korvetten sind 2014 Russland auf der Krim in die Hände gefallen.

          Poroschenko hat die Werft kürzlich verkauft, eine Schokoladenfabrik in Russland hat er 2017 geschlossen. Ob der „Oligarch“ in den Kriegsjahren reicher wurde oder ärmer, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Zu den wenigen Dollarmilliardären im Land gehört er offenbar nicht mehr.

          Bald ging er auch in die Politik. 2001 brach er mit dem postsowjetisch anmutenden Präsidenten Leonid Kutschma. An der ersten proeuropäischen („orangen“) Revolution 2004 war er führend beteiligt. Später wurde der gut Englisch sprechende Politiker Außenminister. Auch als 2010 eine eher russlandfreundliche Tendenz obsiegte, bekam Poroschenko ein Ministeramt, getreu der ukrainischen Kunst, Brücken nie ganz abzubrechen.

          Als 2014 die zweite proeuropäische Revolution stattfand („Euro-Majdan“), das Land am Abgrund stand, die Krim verlor und der Eskalation im Donbass zunächst hilflos zusehen musste, gewann er klar die Präsidentenwahl. Mit seinen Partnern aus Berlin und Paris ging er in die Minsker Verhandlungen. Es gelang ihm, vielen Unkenrufen zum Trotz, das Land zu stabilisieren. Dennoch könnte er im März 2019 die Wahl verlieren – wie einst Churchill nach dem Zweiten Weltkrieg.

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