https://www.faz.net/-gpf-a2x9x

Trotz frühen Lockdowns : Peru hat die höchste Corona-Sterberate weltweit

Ein Covid-19-Opfer wird im peruanischen Dorf Acora nahe der Grenze zu Bolivien begraben. Bild: AFP

Peru war eines der ersten Länder in Lateinamerika, das rigorose Maßnahmen zur Corona-Eindämmung ergriff. Jetzt hat es Belgien als Land mit der weltweit höchsten Corona-Sterberate abgelöst. Vor allem Kinder und Jugendliche verbreiten das Virus.

          3 Min.

          Peru findet offenbar kein Mittel gegen die Corona-Pandemie. Nun hat der Andenstaat mit seinen 32,6 Millionen Einwohnern Belgien an der Spitze der Rangliste der höchsten Sterberate von Corona-Patienten abgelöst. 856 Todesfälle auf eine Million Einwohner zählt Peru. Das hat einerseits mit einer kleinen Korrektur der Fallzahl in Belgien zu tun, wo eine Reihe von Verdachtsfällen aus der Statistik gestrichen werden konnte. Doch selbst ohne diese Korrektur, wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Peru den traurigen Rekord gebrochen hätte.

          Tjerk Brühwiller

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Während sich in Europa und auch in einigen Ländern Lateinamerikas die Infektionskurve abgeflacht hat, greift das Virus in Peru weiter rasant um sich. Innerhalb von weniger als einem Monat hat sich die Zahl der registrierten Infektionen in Peru auf mehr als 600.000 verdoppelt, wobei von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen wird. In Lateinamerika zählt nur das wesentlich bevölkerungsreichere Brasilien mehr Fälle. Jeden Tag sterben rund zweihundert Peruaner am Virus. Die Zahl der Todesfälle dürfte demnächst 30.000 überschreiten, wobei mehr als 10.000 Verstorbene mit Corona-Verdacht gar nicht in der Statistik festgehalten sind.

          Seit März im Lockdown

          Die Regierung von Präsident Martín Vizcarra findet kein Mittel, um die Pandemie aufzuhalten. Peru war eines der ersten Länder in Lateinamerika, das rigorose Maßnahmen verhängte. Das Land hatte sich seit März im Lockdown befunden, als es im Mai nach einer Stabilisierung der Infektionszahlen bestimmte wirtschaftliche Aktivitäten wieder zuließ. Nun musste die Regierung einen Schritt zurück machen und neue Maßnahmen verhängen. Sonntags gilt eine Ausgangssperre. Seit zwei Wochen sind zudem Familientreffen untersagt. Ausschlaggebend war unter anderem ein markanter Anstieg der Infektionen bei Kindern und Jugendlichen. Deren Risiko ist zwar sehr klein, doch sie verbreiten das Virus innerhalb der Familien und im Freundeskreis. Ein zu großes Vertrauen in die Bevölkerung habe zum Wiederaufleben des Virus im Land beigetragen, sagte Vizcarra.

          Die Gründe für die anhaltende Verbreitung in Peru und die fatalen Folgen liegen allerdings nicht nur im Sozialleben der Peruaner. Einerseits haben rund siebzig Prozent der arbeitsfähigen Peruaner keine geregelte Anstellung, wodurch sie es sich nicht leisten können, die Quarantäne einzuhalten. Hinzu kommt das prekäre Gesundheitswesen. Das Land hat nicht nur eine sehr geringe Kapazität von Betten mit Intensivpflege, sondern kämpft auch mit Versorgungsproblemen, allen voran einem akuten Mangel an medizinischem Sauerstoff, der für die Behandlung von Corona-Patienten benötigt wird.

          Tests mit chinesischen Impfstoffen

          Fachleute sind sich einig, dass die Pandemie in Lateinamerika nur mit einer Impfung unter Kontrolle zu bringen ist. Peru hat sich nun auch in die Liste von lateinamerikanischen Ländern eingereiht, in denen klinische Tests von Impfstoffen durchgeführt werden. Demnächst beginnen die Versuche mit zwei Impfstoffen des chinesischen Unternehmens Sinopharm.

          Bis eine Impfung zur Verfügung steht, wird es allerdings noch Monate dauern - Monate, in denen sich auch die Wirtschaft in Peru nicht vollends normalisieren wird. Während der für das Land wichtige Bergbausektor seine Produktion halbwegs aufrecht erhalten konnte, ist der Dienstleistungssektor, von dem unzählige Peruaner leben, dramatisch eingebrochen. Im zweiten Quartal verzeichnete Perus Wirtschaft einen Einbruch von dreißig Prozent. Die Wirtschaft des Landes befindet sich in der schlimmsten Krise seit einem Jahrhundert. Vergangene Woche hieß das Parlament ein Gesetz gut, das Peruanern erlaubt, einen Teil ihrer Ersparnisse vom staatlichen Rentenfonds abzuheben, um über die Runden zu kommen. Für die privaten Rentenfonds ist der Schritt bereits vor Monaten erfolgt. Doch Präsident Vizcarra sträubt sich gegen eine Unterzeichnung des Gesetzes und will das Verfassungsgericht konsultieren, da eine Freigabe der Renten den Staat rund 3,7 Milliarden Dollar kosten würde.

          Der Disput um den staatlichen Rentenfonds ist ein weiteres Kapitel in einem permanenten Konflikt zwischen der Regierung und dem sehr fragmentierten Kongress, in dem Vizcarra keine Mehrheiten zusammenbringt. Vor einigen Wochen musste Vizcarra sein Kabinett umbilden, nachdem das Parlament ein Misstrauensvotum gegen den Kabinettschef stellte. Die Pandemie und die Wirtschaftskrise gehen in Peru mit einer schon länger anhaltenden politischen und institutionellen Krise einher, die das Vertrauen der Peruaner in die Politik nachhaltig geschädigt hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Angeschlagener DFB-Präsident: Am Ende des „Falls Löws“ könnte der Sturz von Fritz Keller (links) stehen.

          Machtkampf im kriselnden DFB : Unter Geiern

          Der Fall „Löw“ ist ein exemplarisches Beispiel für das systemische Versagen des DFB. Zu Hochform laufen einige Funktionäre im Führungszirkel nur noch auf, wenn es um Machterhaltung und Fallenstellen geht.
          Eine riesige Euro-Münze überragt die Menschen in der Innenstadt von Frankfurt am Main als die ersten Euro-Starterkits mit einem Sortiment von Euro-Münzen ausgegeben werden.

          Einführung des Euro 2002 : Schon wieder neues Geld

          Auf ihre D-Mark waren die Deutschen so stolz wie auf ihre Nationalmannschaft. Entsprechend emotional einschneidend war für viele die Einführung des Euros am 1. Januar 2002. Teil 16 unserer Serie „Deutschland seit 1945“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.