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Peru : Der Pfad leuchtet wieder

Gefasst: Florindo Eleuterio Flores Hala, ein Anführer des „Sendero“, am 12. Februar 2012 in den Händen der Armee Bild: picture alliance / dpa

Vor mehr als einem Jahrzehnt schien der Terrorkampf gegen den maoistischen „Sendero Luminoso“ vorbei. Nun ist die Guerrilla wieder da: als Schutzmacht der peruanischen Kokabauern.

          5 Min.

          Rötlich, fast kupferfarben erglänzen die steilen, von jahrtausendealten Terrassen durchfurchten Hänge im Licht der letzten Strahlen der Abendsonne. Bald taucht die Dämmerung das andine Hochtal um die Stadt Tarma in ein fast unwirkliches, grau-bronzenes Licht. Wo schon die Inkas und deren Vorfahren Ackerbau betrieben, steht die Zeit für Minuten still. Ein sanfter Wind streicht über die fruchtbaren Felder, auf denen heute Alfalfa, Artischocken und Blaubeeren gedeihen. In der Hacienda La Florida, einem großzügigen Anwesen aus der Kolonialzeit, werden die Erinnerungen wach.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Fast wäre die Hacienda am 17. März 1990 bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Denn der Terror, den die maoistische Guerrilla „Sendero Luminoso“ („Leuchtender Pfad“) seit Mitte der achtziger Jahre in Peru verbreitete, erfasste von Ayacucho im Süden des Landes nach und nach das gesamte andine Hochland bis hinab in die Küstenregionen um die Hauptstadt Lima. Ein Jahrzehnt lang versetzten die Terroristen, deren Anführer Abimael Guzman sich für das vierte Schwert der Weltrevolution nach Marx, Lenin und Mao hielt, mit Massakern, Bombenattentaten und Anschlägen auf Stromleitungen und andere Infrastruktur das ganze Land in Furcht und Schrecken. Das peruanische Militär hatte dem „Sendero“ außer Gewalt wenig entgegenzusetzen. Unter den annähernd 70.000 Peruanern, die den an archaischer Grausamkeit kaum zu überbietenden Massakern des „Sendero“ zum Opfer fielen oder von den Soldaten als Terroristen erschossen wurden, waren die meisten einfache Bauern oder Indigene.

          Gandolfo kam mit dem Leben davon

          José Da-Fieno Gandolfo, der in der dritten Generation die Hacienda La Florida bewirtschaftete, kam mit dem Leben davon, obwohl er als Landbesitzer in den Augen der Terroristen ein Kapitalist und Ausbeuter war. Während die Familie längst in Lima in Sicherheit gebracht war, hielt es ihn der Provinz. Die Äcker wollten bestellt werden, die Blumen, die für den Export bestimmt waren, geschnitten und verpackt. Doch wenn immer ein Terrorkommando in der Region auftauchte, war auch er nicht mehr zu sehen. Seit er den „Senderistas“ abgeschlagen hatte, Terroristen unter seine Arbeiter zu mischen, waren niemand und nichts mehr sicher. Eines Tages ging die Hacienda in Flammen auf. Mit knapper Not konnten die Brandherde gelöscht werden, ohne dass Menschen oder Tiere zu Schaden kamen.

          Das und vieles andere könnte Geschichte sein, selbst wenn die in die Tausende gehenden Orte des Schreckens in Peru eine kaum zu bewältigende Hypothek der kollektiven Erinnerung sind. Doch mehr als ein Jahrzehnt nach dem Ende des Terrorkrieges, der mit dem Namen des Präsidenten Alberto Fujimori und seines Geheimdienstchefs Vladimiro Montesinos verbunden ist, ist der „Sendero“ in Peru wieder in aller Munde. Und aus einem ebenso einfachen wie bestürzenden Grund: Kokain.

          Tarma

          Denn während in Kolumbien der Anbau der Kokapflanze und die Produktion von Kokain nach Jahren intensiver Bekämpfung des Rauschgiftsektors unter der Präsidentschaft von Alvaro Uribe und seinem Nachfolger Juan Manuel Santos erheblich zurückgegangen ist, hat die Entwicklung in Bolivien, vor allem aber in Peru den entgegengesetzten Weg genommen. Wie das Büro der Vereinten Nationen für Rauschgift- und Verbrechensbekämpfung Ende September mitteilte, stieg die Anbaufläche der Kokapflanze im Jahr 2011 gegenüber dem Vorjahr um fünf Prozent auf fast 65.000 Hektar. In Kolumbien wuchs Koka im selben Jahr nur noch auf 64.000 Hektar - nach mehr als 140.000 Hektar zehn Jahre zuvor.

          Allen Bekundungen der vor einem Jahr aus dem Amt geschiedenen Regierung von Alan García zum Trotz blieb nicht nur die Politik der Rauschgiftbekämpfung ohne Konzept und weit hinter allen selbstgesteckten Zielen zurück. Auch die Reste des „Sendero“ organisierten sich nach dem Vorbild der kolumbianischen Farc-Guerrilla neu. Anstatt die Bevölkerung in den meist abgelegenen Tälern an der Ostflanke der Anden zu terrorisieren und Kindersoldaten zu rekrutieren, machten sich die im Umgang mit Waffen und Sprengstoff versierten Kämpfer zur Schutzmacht der Kokabauern und ihren Abnehmern aus Kolumbien, Mexico und Brasilien.

          Der „Sendero“ regiert in Regionen fernab jeder staatlichen Kontrolle

          „Narcoterroristas“ sagt denn auch Markus, der jüngste der drei Söhne von José und seiner aus Deutschland stammenden Frau Inge, während der Blick über das fast paradiesisch anmutende Tal schweift. Nur noch schemenhaft kann er sich an den Terror des „Sendero“ erinnern, der seine Kindheit überschattete. Szenen wie die von zerstückelten Leichen, die die Verwandten auf Befehl des „Sendero“ drei Tage lang auf der Straße liegen lassen mussten, ehe sie sie beerdigen durften, sind ihm erspart geblieben. Auch heute spricht aus seiner Stimme keine Furcht. Noch agiert der „Sendero“ in Regionen fernab jeder staatlichen Kontrolle, in denen zum Teil seit Jahrhunderten Koka angebaut wird. Noch ist der „Sendero“ auch nicht wieder im Hochland aufgetaucht. Statt dessen zieht es die Bauern und landlosen Arbeiter aus Regionen wie Tarma zur Kokaernte in entlegene Täler oder in das Amazonas-Tiefland. Dort verdienen sie in wenigen Wochen mehr als sonst in einem ganzen Jahr.

          Freilich weiß in Tarma wie in Lima niemand zu sagen, welche Absichten der „Sendero“ verfolgt. Dass die Terrororganisation wie zu ihrer Entstehungszeit in den sechziger Jahren wieder an einigen Universitäten agitiert, steht für den Politikwissenschaftler Fabián Novak außer Frage. „Doch ohne großen Erfolg“, sagt der renommierte Forscher von der Katholischen Universität Lima im Gespräch mit der F.A.Z. Außer Frage steht für Novak aber auch, dass sich die Relikte des alten „Sendero“ nach dem Vorbild der Farc-Guerilla und rechter paramilitärischer Gruppen in Kolumbien neu formiert haben. Hier wie dort gilt es, mit Waffengewalt und Minenfeldern die Sicherheitskräfte von Anbauflächen und Laboratorien fern zu halten.

          Fruchtbar: Tal bei Tarma

          Ungewiss ist auch, wie viele Männer der „Sendero“ unter Waffen hat. Von wenigen hundert ist die Rede, aber diese haben sich als weitaus besser bewaffnet erwiesen als die Streitkräfte des Landes, die zum Teil noch mit Gerät aus sowjetischer Produktion hantieren müssen. Zu überfallartigen Anschlägen auf militärische wie zivile Ziele sowie zu Entführungen ist der „Sendero“ anscheinend jederzeit in der Lage. Nicht unwahrscheinlich ist aber, dass er schon längst Ziele verfolgt, die über die bloße Abschöpfung eines Teils des Gewinns der Produktionskette von Kokain hinausgehen. Für die Terroristen dürfte es ein leichtes sein, nach und nach in die legalen Sektoren der Wirtschaft einzudringen, die für das Funktionieren der Rauschgiftökonomie lebenswichtig sind - seien es der Bankensektor zwecks Geldwäsche und der Immobilienmarkt in Lima und anderen großen Städten des Landes, seien es die Politik sowie die Sicherheitsbehörden, um den Verfolgungsdruck möglichst gering zu halten.

          Wie weit Geld, das aus dem Rauschgifthandel stammt, schon jetzt das Geschehen im Land dominiert, zeigt vor allem der Bauboom, der vor allem die Hauptstadt Lima erfasst hat und dort die Grundstückspreise explodieren lässt. Ein untrügliches Zeichen der Unterwanderung der Politik durch die „Narcos“ ist auch der Umstand, dass sich fast ein Viertel der im vergangenen Jahr gewählten Parlamentsabgeordneten wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten vor der Ethik-Kommission des Parlamentes verantworten müssen.

          So bleibt abzuwarten, ob der Ankündigung des seit Juli vergangenen Jahres amtierenden Präsidenten Ollanta Humala Erfolg beschieden ist, er werde alles daransetzen, den Rauschgiftanbau durch die Entwicklung alternativer Einkommensquellen für die Bauern und eine unnachsichtige Bekämpfung zurückzudrängen. Denn nach den Versäumnissen der Vorgängerregierungen Toledo und García, die der Vernichtung von Kokafeldern und der Professionalisierung der Sicherheitskräfte keine Priorität gaben und die sich vieles dessen, was sie überhaupt unternahmen, von anderen Staaten finanzieren ließen, muss Präsident Ollanta Humala bald Tatkraft beweisen.

          Weil mittlerweile nur noch ein Bruchteil des peruanischen Kokains für die Vereinigten Staaten bestimmt ist und die Regierung in Lima dank des stärksten Wirtschaftswachstums in ganz Südamerika über mehr Geld denn je verfügt, sieht sich Washington nicht länger in der Pflicht, die Arbeit zu tun, die die Peruaner lange Zeit selbst nicht erledigen wollten. Um so stärker hofft die peruanische Regierung auf ein stärkeres Engagement der europäischen Staaten, dem Bestimmungsort von annähernd achtzig Prozent des Kokains aus den Andentälern und dem Tiefland Perus. „Wir müssen verhindern, dass es Peru eines Tages so ergeht wie México“, sagt der peruanische Verteidigungsminister Pedro Catariano im Gespräch mit dieser Zeitung. Das Problem scheint erkannt.

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