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Peru : Der Pfad leuchtet wieder

Der „Sendero“ regiert in Regionen fernab jeder staatlichen Kontrolle

„Narcoterroristas“ sagt denn auch Markus, der jüngste der drei Söhne von José und seiner aus Deutschland stammenden Frau Inge, während der Blick über das fast paradiesisch anmutende Tal schweift. Nur noch schemenhaft kann er sich an den Terror des „Sendero“ erinnern, der seine Kindheit überschattete. Szenen wie die von zerstückelten Leichen, die die Verwandten auf Befehl des „Sendero“ drei Tage lang auf der Straße liegen lassen mussten, ehe sie sie beerdigen durften, sind ihm erspart geblieben. Auch heute spricht aus seiner Stimme keine Furcht. Noch agiert der „Sendero“ in Regionen fernab jeder staatlichen Kontrolle, in denen zum Teil seit Jahrhunderten Koka angebaut wird. Noch ist der „Sendero“ auch nicht wieder im Hochland aufgetaucht. Statt dessen zieht es die Bauern und landlosen Arbeiter aus Regionen wie Tarma zur Kokaernte in entlegene Täler oder in das Amazonas-Tiefland. Dort verdienen sie in wenigen Wochen mehr als sonst in einem ganzen Jahr.

Freilich weiß in Tarma wie in Lima niemand zu sagen, welche Absichten der „Sendero“ verfolgt. Dass die Terrororganisation wie zu ihrer Entstehungszeit in den sechziger Jahren wieder an einigen Universitäten agitiert, steht für den Politikwissenschaftler Fabián Novak außer Frage. „Doch ohne großen Erfolg“, sagt der renommierte Forscher von der Katholischen Universität Lima im Gespräch mit der F.A.Z. Außer Frage steht für Novak aber auch, dass sich die Relikte des alten „Sendero“ nach dem Vorbild der Farc-Guerilla und rechter paramilitärischer Gruppen in Kolumbien neu formiert haben. Hier wie dort gilt es, mit Waffengewalt und Minenfeldern die Sicherheitskräfte von Anbauflächen und Laboratorien fern zu halten.

Fruchtbar: Tal bei Tarma

Ungewiss ist auch, wie viele Männer der „Sendero“ unter Waffen hat. Von wenigen hundert ist die Rede, aber diese haben sich als weitaus besser bewaffnet erwiesen als die Streitkräfte des Landes, die zum Teil noch mit Gerät aus sowjetischer Produktion hantieren müssen. Zu überfallartigen Anschlägen auf militärische wie zivile Ziele sowie zu Entführungen ist der „Sendero“ anscheinend jederzeit in der Lage. Nicht unwahrscheinlich ist aber, dass er schon längst Ziele verfolgt, die über die bloße Abschöpfung eines Teils des Gewinns der Produktionskette von Kokain hinausgehen. Für die Terroristen dürfte es ein leichtes sein, nach und nach in die legalen Sektoren der Wirtschaft einzudringen, die für das Funktionieren der Rauschgiftökonomie lebenswichtig sind - seien es der Bankensektor zwecks Geldwäsche und der Immobilienmarkt in Lima und anderen großen Städten des Landes, seien es die Politik sowie die Sicherheitsbehörden, um den Verfolgungsdruck möglichst gering zu halten.

Wie weit Geld, das aus dem Rauschgifthandel stammt, schon jetzt das Geschehen im Land dominiert, zeigt vor allem der Bauboom, der vor allem die Hauptstadt Lima erfasst hat und dort die Grundstückspreise explodieren lässt. Ein untrügliches Zeichen der Unterwanderung der Politik durch die „Narcos“ ist auch der Umstand, dass sich fast ein Viertel der im vergangenen Jahr gewählten Parlamentsabgeordneten wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten vor der Ethik-Kommission des Parlamentes verantworten müssen.

So bleibt abzuwarten, ob der Ankündigung des seit Juli vergangenen Jahres amtierenden Präsidenten Ollanta Humala Erfolg beschieden ist, er werde alles daransetzen, den Rauschgiftanbau durch die Entwicklung alternativer Einkommensquellen für die Bauern und eine unnachsichtige Bekämpfung zurückzudrängen. Denn nach den Versäumnissen der Vorgängerregierungen Toledo und García, die der Vernichtung von Kokafeldern und der Professionalisierung der Sicherheitskräfte keine Priorität gaben und die sich vieles dessen, was sie überhaupt unternahmen, von anderen Staaten finanzieren ließen, muss Präsident Ollanta Humala bald Tatkraft beweisen.

Weil mittlerweile nur noch ein Bruchteil des peruanischen Kokains für die Vereinigten Staaten bestimmt ist und die Regierung in Lima dank des stärksten Wirtschaftswachstums in ganz Südamerika über mehr Geld denn je verfügt, sieht sich Washington nicht länger in der Pflicht, die Arbeit zu tun, die die Peruaner lange Zeit selbst nicht erledigen wollten. Um so stärker hofft die peruanische Regierung auf ein stärkeres Engagement der europäischen Staaten, dem Bestimmungsort von annähernd achtzig Prozent des Kokains aus den Andentälern und dem Tiefland Perus. „Wir müssen verhindern, dass es Peru eines Tages so ergeht wie México“, sagt der peruanische Verteidigungsminister Pedro Catariano im Gespräch mit dieser Zeitung. Das Problem scheint erkannt.

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