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Poker am Persischen Golf : Es geht um die Herrschaft

Eine iranische Ehrengarde steht am Freitag Spalier bei einer Konferenz in Manza. Bild: AFP

Amerika und Europa können die Golfregion aus eigenem Interesse nicht anderen Akteuren überlassen – nicht einer anderen externen Macht, wie etwa Russland, und noch weniger Iran.

          Rhetorik und Realität klaffen auseinander. Der frühere amerikanische Präsident Barack Obama hatte eine „Hinwendung nach Asien“ (pivot to Asia) angekündigt, dennoch baute er die Luft- und Marinebasen in den arabischen Staaten um den Persischen Golf aus. Sein Nachfolger Donald Trump will die amerikanischen Soldaten aus dem Nahen und Mittleren Osten heimholen, dennoch schickt er Kriegsschiffe in die Region um den Persischen Golf und fordert eine internationale Militärallianz zum Schutz der Meerenge von Hormuz.

          Der aktuelle Anlass ist die Gefährdung der freien Schifffahrt. Im Juni war Iran für (folgenlose) Angriffe auf Öltanker nahe der Meerenge verantwortlich gewesen. Anfang Juli hinderte ein britisches Schiff einen iranischen Tanker an der Weiterfahrt nach Syrien. Das Vorgehen war gerechtfertigt, um die internationalen Sanktionen gegen Syrien durchzusetzen. Es wäre aber nicht gerechtfertigt gewesen, hätte London als Folge der einseitig von Washington gegen Iran verhängten Sanktionen das Schiff beschlagnahmt. Die iranische Vergeltung folgte eine Woche darauf in der Meerenge von Hormuz.

          Das übergeordnete Ziel: die Kontrolle einer Region

          In dem Konflikt, dessen größeren Rahmen die Auseinandersetzung um das iranische Atomprogramm bildet, geht es nicht allein um die Freiheit der Schifffahrt und um die reibungslose Versorgung der Weltwirtschaft mit dem Schmiermittel Erdöl. Das übergeordnete Ziel ist vielmehr die Kontrolle einer Region, deren strategische Bedeutung in einer Welt, die weiter von Erdöl abhängt, nicht zu unterschätzen ist. Trotz der Ölschieferrevolution in Nordamerika hat ihre Bedeutung in den vergangenen Jahrzehnten nicht abgenommen. Daher unterhalten neben den Vereinigten Staaten auch Großbritannien und Frankreich Militärbasen im Persischen Golf.

          Amerika und Europa können die Golfregion aus eigenem Interesse nicht anderen Akteuren überlassen – weder einer anderen externen Macht, etwa Russland, noch weniger der Islamischen Republik Iran, denn eine Pax Iranica würde die heutige Ordnung einer Region gefährden, in der die Hälfte der bekannten Ölvorkommen liegen. Der Kampfbegriff vom „Krieg um Öl“ führt aber in die Irre.

          Vorrangiges Ziel westlicher Politik ist es zwar, zu gewährleisten, dass die wirtschaftliche und politische Stabilität Asiens, etwa Japans und Koreas, aber auch Europas nicht durch eine Unterbrechung der Energieversorgung gefährdet wird. Das ist aber nur ein Grund für das große westliche Interesse an der Golfregion. Denn der Westen braucht aus den arabischen Golfmonarchien nicht allein Erdöl, er braucht vor allem ihre Petrodollars, und zwar auf dreifache Art.

          Das begann nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems zur Regulierung der Weltwährungsordnung, das die amerikanische Notenbank dazu verpflichtet hatte, Zentralbanken anderer Staaten Dollar gegen einen festen Kurs zu tauschen. Von 1973 an fiel die Goldbindung weg, die Dominanz des Dollars als stabiler Leitwährung schien nun gefährdet.

          Da einigten sich die Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien auf eine Abmachung, die bis heute Bestand hat: Die Saudis kaufen amerikanische Staatsanleihen und berechnen ihre Ölverkäufe in Dollar, im Gegenzug tut Amerika alles für die Sicherheit der Monarchie. Andere Golfmonarchien folgten, und sie investierten – ausgenommen das Emirat Dubai – weit mehr Öleinnahmen in westliche Volkswirtschaften als in die Entwicklung ihrer eigenen Länder. Das zahlte sich insbesondere für Großbritannien aus, wo die Golfstaaten britische Banken retteten, wo sie das hohe Leistungsbilanzdefizit finanzieren und vieles aufkaufen – von Immobilien bis zu Fußballklubs.

          Eine Branche erwies sich als besonders lukrativ für den massiven Transfer von Petrodollars: die Rüstungsindustrie. Als Anteil am Bruttoinlandsprodukt gibt weltweit keine andere Region so viel Geld für Rüstung und moderne Waffen aus wie die Arabische Halbinsel. Die wichtigsten Lieferanten sind die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich. Sie liefern weit mehr Waffen, als diese Staaten benötigen, um sich zu verteidigen.

          Iran ist ein Störenfried in der bestehenden Ordnung

          Was im einfachen Interesse der Käufer erscheint, ist ein doppelter Vorteil für die Verkäufer: Einerseits in Form gewaltiger Transfers, die die Auftragsbücher der westlichen Waffenschmieden füllen, andererseits, weil die Golf-Staaten so langfristig von den Lieferanten abhängig werden. Denn sie binden die Abnehmer langfristig an sich, da nur sie die Ausbildung und Wartung leisten können und da ihre hochkomplexen Waffensysteme nicht mit Waffen anderer Hersteller kompatibel sind.

          In dieser Ordnung ist Iran ein Störenfried. Denn die Islamische Republik baut ihren Einfluss im Nahen und Mittleren Osten auf Kosten der mit dem Westen verbündeten Staaten aus, und ihr Atomprogramm könnte die Machtverhältnisse am Persischen Golf nachhaltig verändern. Noch verhalten sich in der aktuellen Krise alle Akteure rational, sie testen lediglich mit kleinen Schritten und Provokationen das Vorgehen des Gegners. Iran muss aber wissen: Stellt es die Interessen des Westens in der Golfregion in Frage, schadet es nur sich selbst.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

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