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Patriot-Einheiten : Einsatz in der Heldenstadt

Ausblick in der Abenddämmerung: Die Provinzhauptstadt Kahramanmaras im Südosten Anatoliens Bild: Tolga Sezgin/NarPhotos/laif

In Kahramanmaras werden bald deutsche Soldaten stationiert. Der Ort hat seit jeher eine bewegte Geschichte, auch im wörtlichen Sinne.

          Afghanistan war der bisher unwegsamste ausländische Einsatzort der Bundeswehr, der mutmaßlich unaussprechlichste aber liegt in der Türkei: Vom kommenden Jahr an sollen etwa 350 deutsche Soldaten in der türkischen Provinz Kahramanmaras eingesetzt werden. Wären sie vor 1972 gekommen, hätten sie es zumindest sprachlich einfacher gehabt, von ihrem Einsatzort zu berichten. Ihren Titel als „Heldenstadt“ („Kahraman“ heißt auf Türkisch „Held“) für die Verdienste im türkischen Unabhängigkeitskrieg führt die Stadt offiziell nämlich erst seit jenem Jahr. Vorher hieß sie einfach Maras.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die Stationierung deutscher, niederländischer und amerikanischer Patriot-Einheiten etwa 100 Kilometer jenseits der türkisch-syrischen Grenze ist in der Türkei nicht unumstritten. Kurdische Politiker kritisierten anfangs, der Einsatz könne von der türkischen Regierung dazu genutzt werden, um in das Geschehen in der im Norden Syriens de facto bestehenden kurdischen Autonomieregion einzugreifen.

          Dem wankenden Regime in Damaskus immer noch wohlgesinnte radikale linke oder rechte türkische Nationalisten führten hingegen an, Ankara wolle mit dem Einsatz der Nato-Einheiten über Umwege doch noch die von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und seinem Außenminister Ahmet Davutoglu seit Monaten vergeblich geforderte Flugverbotszone im Norden Syriens durchsetzen. Dass es darum einstweilen nicht geht, macht nicht nur die Formulierung etwa des deutschen Mandatsbeschlusses („Der Einsatz dient nicht der Einrichtung oder Überwachung einer Flugverbotszone über syrischem Territorium“) deutlich.

          Protestkundgebungen in der Türkei

          Mehrere türkische Zeitungen verwiesen auf die geographischen Tatsachen, also darauf, dass Patriot-Raketen eine Reichweite von knapp 70 Kilometern haben, die Stadt Kahramanmaras aber mehr als 100 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt liegt. Dennoch wird es weiterhin Protestkundgebungen in der Türkei geben, unter anderem am kommenden Wochenende in der türkischen Grenzprovinz Hatay, wo die Sympathien eines beträchtlichen Teils der lokalen Bevölkerung bei Assad liegen. Auch in Kahramanmaras könnte es zu Demonstrationen kommen.

          Bilderstrecke

          Der Ort hat seit jeher eine bewegte Geschichte, auch im wörtlichen Sinne: Die Provinz liegt in einem Erdbebengebiet. Zuletzt kam es im Juli zu einem mittelschweren Beben der Stärke 5,0, bei dem jedoch niemand ums Leben kam. Obwohl die Provinz nicht im Zentrum der ständigen Kämpfe zwischen staatlichen Truppen und Einheiten der PKK liegt, kommt es auch in Kahramanmaras mitunter zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen der Armee und Kämpfern der kurdischen Terrorbande.

          Im Oktober töteten Polizisten nach Angaben des Gouverneurs der Provinz drei PKK-Kämpfer in einem Gefecht. Drei Monate zuvor waren im Osten der Provinz drei türkische Soldaten in ihrem Fahrzeug schwer verletzt worden, als am Straßenrand ein Sprengkörper explodierte. Die Urheberschaft der PKK wird in solchen Fällen automatisch vermutet. In der Provinz befindet sich außerdem eines von derzeit mehr als einem Dutzend Aufnahmelagern, die der türkische Staat für Flüchtlinge aus Syrien errichtet hat. Nach Angaben des türkischen Innenministeriums haben in den vergangenen 20 Monaten insgesamt fast 138.000 Flüchtlinge aus Syrien in der Türkei Zuflucht gesucht. Die tatsächliche Zahl dürfte noch deutlich höher sein, da viele Flüchtlinge sich nicht haben registrieren lassen.

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