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Labour-Treffen in Brighton : Corbyns Partei im Rausch der Radikalität

Star der jungen Schwärmer: Corbyn vor dem Labour-Parteitag am Mittwoch in Brighton. Bild: AFP

In Brighton hält die Labour Party einen erstaunlichen Parteitag ab. Corbyn begeistert die Delegierten mit dem Versprechen auf eine fundamental andere Politik. Und was heißt das für den Brexit?

          Parteitage sind traditionell gleichförmige Veranstaltungen, die bestenfalls mit Akzentverschiebungen auf neue Stimmungen reagieren. Nicht so bei der Labour Party: Das Treffen in Brighton hob sich so stark von den Konferenzen vergangener Jahre ab, dass mancher Genosse den Wandel nur noch in poetischen Dimensionen erfassen konnte. Mit dem Satz „Lass tausend Blumen blühen!“, beschrieb der Labour-Abgeordnete Clive Lewis die Stimmung in Brighton. Die Labour Party, sagte er kurz vor dem Ende des Parteitages, habe eine „Explosion“ erlebt.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Viele Politiker, die jahrelang mit ihren Reden die Konferenzen geprägt hatten, traten nicht mehr auf der großen Bühne auf; einigen wurde schon im Vorfeld bedeutet, sich lieber gar nicht um einen „slot“ zu bewerben. Stattdessen standen nun junge und unbekannte Delegierte vor dem Saalmikrophon, einfache Mitglieder ohne Mandat. Die offiziellen Podiumsdiskussionen, die in Hotelsuiten und Restaurants abgehalten werden, waren unverändert stark besucht, aber das lag daran, dass überhaupt viel mehr Leute gekommen waren als früher. Zum eigentlichen Ereignis wurden die alternativen Veranstaltungen: Überall in der Stadt luden die Veranstalter der linken Basisbewegung „Momentum“ zu Debatten, Workshops, DJ-Perfomances oder Pub-Quizzes ein. Die Säle, Kirchen, Theater barsten vor jungen Leuten. An den Wänden hingen Plakate, die romantisch eine bessere Welt beschworen: „Da ist Kraft in der Einheit der Menschheit.“ Für ein Gespräch, das Labour-Chef Jeremy Corbyn mit der Aktivistin Naomi Klein führen wollte, säumte die Warteschlange drei Häuserblocks. Selbst als sich herumsprach, dass „Jeremy“ gar nicht kommt, dünnte die Menschenmenge nicht aus. Es ging ums Dabeisein, um das Gefühl, Teil eines Gemeinschaftserlebnisses unter Gleichgesinnten zu sein.

          Was sich in den vergangenen Tagen als Happening in den Gassen Brightons abspielte, kündigt nicht weniger an als die schleichende Übernahme der ehrwürdigen Labour Party. Wie mächtig die Momentum-Bewegung geworden ist, die Corbyn vor zwei Jahren zur Macht verholfen hat, zeigte sich im Streit um die Tagesordnung. Eigentlich wollten die Parteifunktionäre die Haltung der Delegierten zum Brexit klären, genauer: ob sich die Labour Party für die dauerhafte Mitgliedschaft im EU-Binnenmarkt starkmachen soll. Momentum wandte sich über ihre Parteitags-App gegen eine solche Abstimmung, also blieb sie aus.

          Noch im vergangenen Jahr hatten viele Delegierte misstrauisch auf die Parallelwelt geblickt, die sich da um den Parteitag herum formierte. Jetzt gehört sie dazu – und frisst die alte Labour-Welt langsam auf. Die Traditionspartei entwickelt sich zur „Bewegung“, die demokratisch und autoritär zugleich ist. Offen für alle, die sich politisch links engagieren wollen, frönt sie zugleich einem manchmal befremdlichen Persönlichkeitskult. Corbyn, der noch vor einem Jahr als Belastung der Partei galt, ist zu einem Helden geworden, dem geradezu Erlöserhaftes zugeschrieben wird. Sein Gesicht ist allgegenwärtig, auf Postern und Plaketten, auf T-Shirts und Schals, sogar El Gato, Corbyns Kater, wurde ein Devotionalien-Symbol. El Gato soll, laut Corbyn, sein Essen fröhlich mit einer räudigen Straßenkatze teilen, mithin „sozialistische Tendenzen“ aufweisen.

          „Die Macht zurück in die Hände des Volkes“

          „Wir stehen an der Schwelle zur Macht!“, rief Corbyn in seiner Grundsatzrede und verwies auf den größten Zuwachs an Wählern und Mitgliedern seit 1945. Niemand im Publikum schien zu irritieren, dass die Partei erst vor drei Monaten die Wahl verloren hatte und keine Neuwahl in der Luft liegt. Corbyn beschrieb eine Regierung am Ende ihrer Kraft und entwickelte einen umfassenden ideologischen Gegenentwurf. Das seit der Finanzkrise „zerbrochene System des Neoliberalismus“ müsse nicht repariert, sondern „ersetzt“ werden – durch eine „restrukturierte Wirtschaft“, die „die Macht zurück in die Hände des Volkes“ führt. Dem „Versagen der Privatwirtschaft“ setzte er die Kraft des Staates entgegen. Nur dieser könne Gerechtigkeit herstellen und technologische Herausforderungen wie die Automatisierung zum Wohl der Menschen gestalten. Die oft gehörte Kritik, dass Wahlen nicht mit extremen Positionen, sondern „in der Mitte“ gewonnen werden, parierte er mit dem Satz: „Das ist nicht ganz falsch – so lange die Mitte nicht fixiert oder unbeweglich ist“. Finanzkrise und Sparpolitik hätten einen „neuen Konsens“ befördert: „Jetzt sind wir der Mainstream.“ Die Delegierten bedankten sich mit Schlachtengesängen die man sonst aus Fußballstadien kennt.

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