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Parteitag der Kommunisten : Kubanische Lesarten

„Zwei plus zwei ist immer vier”: Raúl Castro referiert über Finanzpolitik Bild: dpa

Raúl Castro benennt auf dem Parteikongress in Havanna wieder einmal Missstände und kündigt Änderungen an. Das kubanische Regime sieht darin einen „patriotischen Konsens“ - die Dissidenten bleiben skeptisch.

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          Der „Máximo Líder“ Fidel Castro ist zufrieden mit dem bisherigen Verlauf des Parteitags der Kommunisten, des ersten seit fast 14 Jahren. Die kubanischen Dissidenten sind es nicht. In der Nacht zum Sonntag meldete sich Fidel Castro erstmals seit Beginn des Sechsten Parteitages zu Wort: Er lobte in einem zunächst im Internet veröffentlichten Beitrag seinen Bruder Raúl, an den er wegen seiner schweren Darmerkrankung von 2006 an schrittweise die Macht abgegeben hat.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Er entschuldigte sich aber zugleich, dass er der Militärparade aus Anlass des 50. Jahrestages der zurückgeschlagenen amerikanischen Invasion in der Schweinebucht vom Samstag hatte fernbleiben müssen. „Ich hätte es auf dem Platz der Revolution vielleicht für eine Stunde in der prallen Sonne und in der brütenden Hitze ausgehalten“, schrieb der inzwischen 84 Jahre alte Fidel, „aber nicht für drei Stunden. Glaubt mir, ich habe den Schmerz gefühlt, als ich einige von Euch auf der Tribüne nach mir Ausschau halten sah. Aber ich denke, dass jeder versteht, dass ich nicht mehr tun kann, was ich so oft zuvor getan habe.“

          „Kein Staat kann mehr ausgeben, als er hat“

          Tatsächlich war es eines der Markenzeichen Fidel Castros, nicht nur stundenlang stehend Paraden und Aufmärsche abzunehmen, sondern noch längere Reden zu halten - meist aus dem Stegreif, mit wenigen Notizen, sich selbst und seine Zuhörer fortgesetzt anfeuernd. Immerhin das hat sich geändert: Fidels fünf Jahre jüngerer Bruder Raúl liest bei seinen meist kurzen Reden jedes Wort von seinem Manuskript ab. So war es auch beim Auftakt zum Parteitag vom Samstag. Die Grundsatzrede dauerte immerhin gut zwei Stunden, und sie fand die Zustimmung des abwesenden Revolutionsführers, über dessen Gesundheitszustand fortwährend gerätselt wird.

          Er habe „den gleichen Stolz empfunden“, als er seinen Bruder habe reden hören und die 1000 Delegierten habe zuhören sehen, schreibt der Revolutionsführer: „Die Mühe hat sich gelohnt, so lange zu leben, um die Ereignisse von heute mitzuerleben.“ Schon Ende März hatte Fidel Castro über Raúl gesagt: „Er ist mein Nachfolger, nicht weil er mein Bruder ist, sondern wegen seiner Erfahrung und wegen seiner Verdienste.“ Zum Inhalt der Rede Raúls schweigt Fidel aber - vielleicht, weil Raúl die gleiche oder doch eine ähnliche Rede schon oft gehalten hat.

          Seit Raúls Machtübernahme lässt sich das Muster erkennen, die früher verschwiegenen Missstände auszusprechen, ohne aber einschneidende Änderungen durchzusetzen. „Kein Staat und kein Mensch kann mehr ausgeben, als er hat“, rief Raúl am Samstagabend den Delegierten zu und veranschaulichte seinen Lehrsatz mit seinem inzwischen sattsam bekannten Beispiel: „Zwei plus zwei ist immer vier - und niemals fünf und noch weniger sechs oder sieben, wie wir manchmal vorgegeben haben!“ Diese Erkenntnis hat freilich bisher nicht dazu geführt, dass der kommunistische Staat Kubas weniger ausgibt als er hat.

          Die Wirtschaft könnte die Arbeitslosen nicht mit Jobs versorgen

          Schon im September hatte die Staats- und Parteiführung angekündigt, mehr als eine halbe Million Staatsangestellte würden bald entlassen und müssten sich in der vorsichtig liberalisierten Wirtschaftsordnung des Landes selbst ein Auskommen suchen. Anfang März aber teilte die Regierung in Havanna mit, dass die bis April geplante erste Entlassungswelle auf unbestimmte Zeit verschoben werde. Man darf sicher sein, dass nicht nur Fidel Castro, der sich in seinen Beiträgen für die Parteizeitung „Granma“ zu allen globalen Entwicklungen zu äußern pflegt, die Revolutionen und Rebellionen in der arabisch-muslimischen Welt genau verfolgt hat. Die bekannteste Bloggerin des Landes, Yoani Sanchez, hat schon vor Wochen geschrieben, „der Suez-Kanal und die Karibik sind nicht so weit voneinander entfernt“. So klingt es wie das Pfeifen im Walde, wenn Parlamentspräsident und Politbüromitglied Ricardo Alarcon beteuert: „Der Kongress stärkt den patriotischen Konsens der kubanischen Nation.“

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