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Parlamentswahl Südafrika : Verflogene Träume, erloschene Liebe

  • -Aktualisiert am

Südafrika steht vor den spannensten Wahlen seit dem Ende der Apartheid Bild: AP

Der ANC kann bei der Parlamentswahl am Mittwoch wieder mit einem Sieg rechnen. Die Zweidrittelmehrheit ist aber in Gefahr. Das liegt nicht nur an der Parteineugründung Cope, sondern auch an Korruption, Vetternwirtschaft und Skandalen in der Führungsriege.

          Thomas Matu müht sich mit seiner Zange ab. Immer wieder gleitet das Werkzeug von dem Wasserhahn ab. Matu steht bis zu den Knöcheln im Matsch und flucht leise vor sich hin. Irgendwann gibt der Hahn nach, und das Wasser strömt in den 20-Liter-Eimer, den Matu über zwei Hügel zu der einzigen Wasserstelle der ganzen Siedlung geschleppt hat. „Seit zehn Jahren komme ich zwei Mal jeden Tag an diese verdammte Wasserstelle und schleppte zwei Mal jeden Tag den schweren Eimer den Berg hinauf. Und warum? Weil unsere liebe Stadtverwaltung es einfach nicht schafft, Wasserleitungen zu legen“, schimpft der 55 Jahre alte Mann.

          Thomas Matu lebt in Ducats, einem Township vor den Toren von East London, das neuerdings Buffalo City heißt. East London liegt in der Provinz Eastern Cape, dem zwischen Kwa Zulu-Natal und der Provinz Western Cape mit seiner Metropole Kapstadt eingekeilten Armenhaus Südafrikas, das auf keiner Touristenroute zu finden ist. Die ehemalige Transkei ist die Heimat von Nelson Mandela und seinem Nachfolger Thabo Mbeki. Trotzdem sieht sie aus, als sei der Wirtschaftsaufschwung Südafrikas hier nur auf der Durchreise gewesen.

          „Man hat uns den Himmel versprochen“

          Thomas Matu beispielsweise ist gelernter Mechaniker und seit 16 Jahren arbeitslos. Er lebt in einem der 2,7 Millionen landesweit gebauten sogenannten Low-Cost-Houses, mit denen die Regierung die schlimmste Wohnungsnot zu lindern versuchte: ein Zimmer, eine Kochecke, ein kleines Badezimmer, das Dach aus Wellblech, kein Wasser. Das einzige Einkommen seiner Familie besteht aus dem wenigen, was seine Frau als Hausangestellte im fernen Johannesburg verdient und regelmäßig überweist.

          ANC-Party vor der anstehenden Parlamentswahl in Südafrika

          Matu hat stets für die Regierungspartei „African National Congress“ (ANC) gestimmt, seit diese die Macht in Südafrika übernommen hat. „Der ANC war Freiheit für uns“, sagt er.

          Doch jetzt sei Schluss. „Dieses Mal“, sagt er, „wähle ich Cope.“ Warum? „Man hat uns vor 14 Jahren den Himmel versprochen, und ich stehe immer noch mit den Füßen im Dreck“, schimpft er.

          Wenn Südafrika am kommenden Mittwoch ein neues Parlament wählt, werden dies die mit Abstand spannendsten Wahlen seit dem Ende der Apartheid 1994 sein. Der Sieg des ANC steht zwar außer Frage. Gleichwohl könnte die ehemalige Befreiungsbewegung die angepeilte Zweidrittelmehrheit verfehlen.

          „Wir brauchen dringend einen Wechsel“

          Das hat mit Cope zu tun, der erst vor vier Monaten von dem ehemaligen Verteidigungsminister Mosiuoa Lekota gegründeten Partei „Congress of the People“. Cope ist aus Protest gegen den Umgang des ANC mit Präsident Thabo Mbeki entstanden, der zunächst als Parteivorsitzender von seinem Erzrivalen Jacob Zuma abgelöst worden war und kurz darauf nach Druck der Partei sein Amt als Staatschef räumen musste.

          Cope ist das Sammelbecken der von der Hinterzimmerpolitik des ANC Enttäuschten und Eastern Cape die selbsternannte Hochburg der neuen Partei. „Cope“ sagt Thomas Matu, „ist Hoffnung. Denn wir brauchen dringend einen Wechsel.“ Doch denken in Ducats nicht viele wie der grauhaarige Matu.

          Laethitia Coko trägt einen fleckigen Rock, ein ebenso schmutziges T-Shirt und ein feuerrotes Kopftuch. Laethitia wohnt in einer der Senken der Siedlung von Ducats. Das bedeutet, dass ihr bei Regen die Hütte vollläuft, denn über ein Abwassersystem verfügt die Siedlung nicht. Eine Arbeit hat sie nicht.

          Sie lebt wie nahezu die gesamte Siedlung vom staatlichen Kindergeld. 240 Rand, rund 22 Euro, gibt es für jedes Kind. Laethitia hat vier, ein weiteres ist unterwegs. Drei der Kinder sind schulpflichtig, doch keines geht zur Schule. „Das kostet 50 Rand (vier Euro) pro Jahr für jedes Kind. Das kann ich mir nicht leisten“, sagt Laethitia.

          Ein neues Sozialsystem durch den ANC

          Ihre Hütte ist selbstgebaut. Das heißt: zwei Dutzend Bleche alter Fässer, die solange mit einem Hammer bearbeitet wurden, bis sie flach genug waren, um an windschiefe Holzpfeiler genagelt zu werden. Laethitias ganzer Besitz besteht aus einer kaputten Schrankwand, einer schimmeligen Matratze und der üblichen Sammlung von großen Wassereimern.

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