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Parlamentswahl in Spanien : Was wählen „Feminazis“?

Derartige Bilder kommen nicht nur bei den Feministinnen schlecht an. Vier Präsidentschaftskandidaten, die über Einverständnis beim Sex, Leihmutterschaft und den Staatspakt gegen geschlechterspezifische Gewalt reden? Es könnte ein Abend voller bahnbrechender Momente werden: Bis vor wenigen Jahren hätten es diese Themen niemals in eine Wahldebatte im spanischen Fernsehen geschafft. Über Frauenfragen wäre nicht verhandelt worden. Aber der Anblick der jungen Männer im Studio verwies die spanischen Frauen auf den ewigen Unterschied. Viele wollen sich damit nicht mehr zufrieden geben.

In ihrem eigenen Wahlprogramm fordern die spanischen Frauenbewegungen mehr gesetzlichen Schutz für Prostituierte, faire Gehälter und Renten, eine verpflichtende Ausbildung von Richtern, Staatsanwälten, Sicherheitskräften, Sozialarbeitern und Psychologen zu Gleichberechtigung und Gender-Gewalt, außerdem Schulunterricht zum Thema, mehr Prävention gegen sexuellen Missbrauch und entsprechende Kurse an Universitäten.

„Es ist sehr in Mode, sich Feministin zu nennen“

8-M nennt sich die Bewegung zum internationalen Frauentag. Sie ist mehr als ein Planungskomitee für die Demonstrationen am 8. März. Einmal im Monat kommen die Frauen zusammen und diskutieren über ihre Anliegen, jeder ist willkommen, jede Stimme zählt gleich. Die Ergebnisse ihrer Treffen nehmen die Frauen mit nach Hause. Und gerade auf diese Sensibilisierung jeder Frau in ihrem Alltag und Umfeld, sagt Suky Reglero, eine der Aktivistinnen, komme es an. Nur so könne sich grundsätzlich etwas an der Lage der Frauen verändern. Zu den Treffen der 8-M, die auch in Sevilla, Valencia, Barcelona, Bilbao und anderen größeren Städten organisiert werden, kommen natürlich nur die, die den Aktivistinnen gegenüber aufgeschlossen sind. „Es ist gerade sehr in Mode, sich Feministin zu nennen“, stellt Reglero fest. Da gebe es einigen Aufklärungsbedarf. Aber das größte Problem, sagt Suky Reglero, sei die parteipolitische Einflussnahme auf die Bewegung. Immer wieder kämen Parteimitglieder zu den Treffen und mischten sich ein.  

Die Frauen der Vox-Partei leben in einem anderen Spanien. Es sind Ältere, Wohlhabende unter ihnen, ganz Junge und Arbeitslose, vierfache Mütter wie die 45 Jahre alte Architektin Rocio Monasterio, die gegen die „Gender-Diktatur“ kämpft. Monasterio hält nichts von Quoten, sie verdammt sie als einer selbstbewussten Frau unwürdig, und bei ihren öffentlichen Auftritten singt sie ein Loblied auf die traditionelle Familie. Für die Vox-Mitglieder sind die Aktivisten des 8-M „Feminazis“, in den sozialen Netzwerken haben sie die Frauen zu ihrem beliebtesten Feindbild erkoren. Die Vox-Führung lehnt es ab, dass Übergriffe gegen Frauen nach der neuen Gesetzgebung  gesondert unter Strafe stehen. Was in Spanien inzwischen als Gender-Gewalt anerkannt ist, nennen die Rechtspopulisten „häusliche Gewalt“. Von der Partido Popular, mit der sie eine Koalition eingehen könnten, wenn es die Wahlergebnisse zulassen, verlangte Vox in Andalusien zuletzt eine Gesetzesänderung. Die PP lehnte schließlich ab.

Spanien gilt in anderen europäischen Ländern als Vorbild, was die Mobilisierung von Frauen angeht. Wie die Parlamentswahlen ausgehen, hängt nun auch davon ab, wie viele Frauen sich mit dem neuen, noch ungewohnten, immer wieder auch kompromisslosen Ideal der Frauenbewegungen identifizieren können – und wie viele sich in ihren häuslichen Traditionen sicherer fühlen. Die Ciudadanos-Partei hat den Feministinnen vorgeworfen, ohnehin bevormundeten Frauen wiederum selbst ihre Ansichten aufzudrängen. Vox glaubt an eine „linke Gehirnwäsche“ im Bildungssystem und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Das Trommeln der Rechtspopulisten ist auch eine nervöse Reaktion auf die öffentliche Präsenz und Prominenz der Aktivistinnen und ihre Forderungen.

Das Ergebnis der Wahl an diesem Sonntag wird ein Anhaltspunkt dafür sein, in welchem Land die spanischen Frauen leben wollen.

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