https://www.faz.net/-gpf-70hkp

Parlamentswahl in Frankreich : Bei den Ch’tis

Bild: Bernd Mölck-Tassel

Die Franzosen wählen ein neues Parlament. Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon wollen die Grenzen zurück und den Euro abschaffen. Das kommt richtig gut an in Nordfrankreich.

          8 Min.

          Marine Le Pen legt den Kopf in den Nacken und marschiert ein. Im Stechschritt stürmt sie den Saal und wirft mit Handküssen um sich. Die Menschen springen von den Stühlen, skandieren „Ma-rine, Ma-rine“. Die wummernde Elektrohymne geht unter. Ein Meer aus Trikoloren wogt durch den Festsaal von Hénin-Beaumont - ein fensterloser Schlauch, der vierhundert Mann fasst. Kein Platz ist frei, alle wollen Marine sehen, alle haben Devotionalien bekommen: eine Fahne, einen Mitgliedsantrag und eine Postkarte mit dem Konterfei von Marine Le Pen, dazu der Spruch „Les nôtres avant les autres“, die Unseren vor den Anderen, und die Aufforderung „Hier wählt man Marine!“.

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Der Abend war als „öffentliche Versammlung“ angekündigt worden. In Wahrheit ist er ein Fantreffen, und die Fans sind aufgekratzt. Ein großes Spiel steht bevor.

          Es ist Montagabend, sechs Tage noch, dann wird die Volksversammlung neu gewählt, erste Runde. Das ganze Land blickt auf eine Region, die kaum ein Franzose kennt - und wenn, dann nur aus dem Kino. „Bienvenue chez les Ch’tis“ heißt der Film, vor zwei Jahren war er ein Riesenerfolg, sogar in Deutschland. Ein Postbeamter aus der Provence wird ins Pas-de-Calais versetzt, die Höchststrafe. Die verschrobenen Einheimischen sprechen einen seltsamen Dialekt, das Ch’ti, erst versteht er nichts, am Ende will er gar nicht mehr weg. Nun richten die Ch’tis über eine Frau aus Paris und einen Mann aus dem Süden, geboren in Tanger. Marine Le Pen gegen Jean-Luc Mélenchon, der Front National gegen den Front de Gauche, Rechtsaußen gegen Linksaußen. Schon bei der Präsidentenwahl haben sich beide ein erbittertes Duell geliefert, sie fing sechseinhalb Millionen Stimmen ein, er vier Millionen. Aber das war nichts gegen die Schlacht, die jetzt tobt, da beide im selben Wahlkreis aufeinanderstoßen.

          „Hier wählt man Marine!“ Damit es wirklich jeder hier versteht, steht die Aufforderung auf den Postkarten auch auf Ch’ti: „Ichi, in vot’ Marine!“

          Sie setzt sich in die vorderste Reihe, grelle Scheinwerfer bestrahlen sie. Steeve Briois betritt zuerst die Bühne. Marine Le Pen machte ihn zum Generalsekretär, als sie Anfang 2011 die Führung des Front National von ihrem Vater Jean-Marie übernahm. Briois, ein gut aussehender, freundlicher Mann von 39 Jahren, kommt aus der Gegend. „Einer von uns“, sagen die Leute. Das zählt viel im früheren Kohlerevier, dem französischen Pendant zum Ruhrgebiet. Briois’ Großvater war Bergarbeiter in Oignies, wo 1990 die letzte Zeche schloss. Seine Großmutter arbeitete in einer Spinnerei. Der Vater wurde Fabrikarbeiter, der Sohn ging in die Politik. Seit er 15 ist, hat sich Steeve Briois für den Front National engagiert, weil er wollte, „dass Frankreich französisch bleibt“. Er sitzt im Regionalrat und im Gemeinderat.

          Briois sagt ein paar Sätze im lokalen Dialekt mit den typischen Zischlauten, er verspricht, dass er mit Marine - „Marine et mi“ - gegen das korrupte „schistème“ der Sozialisten kämpfen wird. Die Fans johlen. Schnell wird klar, wer der Hauptgegner des Abends ist: nicht die Sozialistische Partei, nicht die konservative UMP, sondern Jean-Luc Mélenchon von der Linksfront. „Es wird nicht Mélenchon sein, der euch beschützt, der gegen die Korruption kämpft. Er kennt unser Bergbaubecken gar nicht, unsere Einfachheit, unsere Authentizität, unser Schamgefühl und unsere Ch’ti-DNA, die mit Lügnern nichts zu tun haben will.“

          Wer also schützt die armen Chtis vor den Unbilden der Globalisierung und des wirtschaftlichen Niedergangs, die hier mit 20 Prozent Arbeitslosen zu Buche schlagen?

          Weitere Themen

          CDU-Löbel verlässt Politik, Nüsslein die CSU Video-Seite öffnen

          Provisionsaffären : CDU-Löbel verlässt Politik, Nüsslein die CSU

          Weiterhin Debatten angesichts der Affären von zwei Unions-Bundespolitikern: Es geht um sechsstellige Provisionen für die Vermittlung von Staatsaufträgen für Corona-Schutzmasken. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Nikolas Löbel aus Baden-Württemberg hat am Montag erklärt, er ziehe sich umgehend aus der Politik zurück.

          Topmeldungen

          Rudolf Anschober, der den Grünen angehört, am 1. Februar in Wien

          Rudolf Anschober im Interview : „Wir haben eine Pandemie in der Pandemie“

          Österreich ist gerade in der Phase, die Deutschland bevorsteht: behutsam lockern, viel testen und die Infektionszahlen richtig einschätzen. Gesundheitsminister Rudolf Anschober spricht im Interview über Öffnungen, Schnelltests und Notbremsen.
          Die richtige Versicherungsform zu wählen, kann bares Geld wert sein.

          Krankenkassen : Gesetzlich oder privat versichern?

          Die Wahl der richtigen Krankenversicherung ist noch heikler als die Wahl des richtigen Partners. Aber man kann die künftigen Kosten überschlagen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.