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Parlamentswahl in der Ukraine : Wahlkampf im Eiltempo

  • -Aktualisiert am

Noch zu überzeugen oder schon entschieden? Wahlkämpfer Gorenjuk in Odessa Bild: F.A.Z.

Am Sonntag wird in der Ukraine ein neues Parlament gewählt. Präsident Selenskyj steuert auf den zweiten großen Erfolg zu. Doch nicht alle lieben den politischen Neuling.

          Die europäische Fernstraße E87 führt westlich von Odessa durch Sonnenblumen- und Kürbisfelder zur Donau, dem Grenzfluss zur EU. Ljudmyla, die an der Tankstelle arbeitet, lebt von dieser Straße, und das bestimmt auch ihren Blick auf die Politik. „Bis vor kurzem konnte man hier gerade mal 80 Kilometer pro Stunde fahren. Ein Stück weiter nur noch 40 und später streckenweise nur noch 20. Da gab es Schlaglöcher, in denen verschwand das ganze Rad!“, erzählt sie.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Dann jedoch kam der „Euro-Majdan“, die proeuropäische „Revolution der Würde“, wie die Bürgerbewegung des Winters 2013/14 genannt wird. Unter Europaflaggen kämpften die Demonstranten in Kiew gegen das Regime des autoritären Präsidenten Viktor Janukowitsch und für die Annäherung an die EU. Etwa hundert Menschen wurden erschossen, doch die Proteste waren am Ende siegreich.

          „Er hat geliefert“

          Nach der Revolution wurde der proeuropäische Petro Poroschenko zum Präsidenten gewählt. Ljudmyla blickt auf die vorbeifahrenden Autos auf der E87 und sagt: „Deswegen habe ich im März Poroschenko gewählt. Er hat geliefert. Ein großer Teil der Straße ist wie neu, auch in meinem Dorf wurden viele Gebäude saniert.“ Doch ihr Hoffnungsträger hat die Präsidentenwahl im Frühling klar verloren – gegen den politisch völlig unerfahrenen Schauspieler Wolodymyr Selenskyj.

          Der hat versprochen, den Europakurs seines Vorgängers fortzusetzen und das zu tun, was Poroschenko nach Ansicht vieler Ukrainer nicht getan hat: Korruption und Vetternwirtschaft zu bekämpfen. Um sich und seiner noch jungen Partei eine Machtbasis zu schaffen, hat Selenskyj gleich nach seinem Amtsantritt das Parlament aufgelöst und für diesen Sonntag Neuwahlen ausgeschrieben.

          Auch die Partei Poroschenkos, „Europäische Solidarität“, steht zur Wahl. Aber die Verkäuferin Ljudmyla hat im Lärm des Wahlkampfs „die Orientierung verloren“, wie sie sagt. „Ich weiß jetzt nicht mehr, wen ich wählen soll.“

          „Der kann das Land wirtschaftlich aus dem Dreck ziehen“

          Diese Region war – wie der ganze Süden und Osten der Ukraine von Rumänien bis Russland – nie eine Hochburg derjenigen Ukrainer, die es „nach Europa“ zieht. Hier, im Südwesten des Schmelztiegels Sowjetunion, lebt eine ethnisch gemischte, mehrheitlich russischsprachige Bevölkerung, die für „Los von Moskau“-Parolen wenig empfänglich war – und es zu einem immer noch großen Teil auch jetzt nicht ist.

          Viele denken hier wie das Ehepaar Vera und Mann Nikolaj Litwinow in dem kleinen Dorf Petrodolyna, das abseits der E 87 liegt. Sie leben mit zwei Töchtern und fünf Enkeln in einem zweistöckigen Haus. Sie ist Musiklehrerin und wird bald 60 Jahre alt. Nikolaj ist ethnischer Russe, 70 Jahre alt und ehemaliger Schlosser. Er ist bis heute stolz auf seinen Dienst in der Sowjetarmee, zeigt seine Armeemütze. Heute, findet Nikolaj, sollte die Ukraine „wie die Schweiz“ sein.

          Das Ehepaar Litwinow in Petrodolyna

          Auch seine Frau Vera findet, das Land solle weder Teil der Nato werden noch eines russischen Militärblocks. Dass sich die Ukraine und Russland seit 2014 in einem bewaffneten Konflikt in der Ostukraine gegenüberstehen, bestreitet Nikolaj nicht. Er findet aber: „Poroschenko ist schuld.“ Zu den Protesten von 2014 sagte er: „Die nennen das Majdan, auf Russisch heißt so etwas Staatsstreich.“

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