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Parlamentswahl in Belgien : Ein flämischer Löwe im Sternenbanner

Wahlsieger Bart de Wever mit einem Stofflöwen, dem Wappentier der Flamen Bild: AFP

Nach seinem Erfolg bei der belgischen Parlamentswahl gibt sich der Flame Bart De Wever bescheiden. Wahrscheinlich ist nun eine Zusammenarbeit mit dem anderen Wahlsieger: Elio Di Rupos Sozialisten.

          Von einem politischen „Erdbeben“ oder „Tsunami“ berichten belgische Zeitungen am Montag. Und manch Kommentator sieht nach der Parlamentswahl die Spaltung des Königreichs mit großen Schritten nahen. Im Brüsseler Straßenbild ist davon am Montag nichts zu spüren. Die übliche Blechlawine schiebt sich am Morgen auf den verstopften Einfallswegen in die zweisprachige Hauptstadt. Rund 350.000 von 600.000 Arbeitsplätzen entfallen dort auf Pendler aus Flandern und Wallonien. In der Stadt selbst erinnern nur noch bunte Plakate mit zuversichtlich dreinblickenden Kandidaten daran, dass sich tags zuvor eine spektakuläre wahlgeographische Verschiebung im Land vollzogen hat.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Der Mann, der die Vision einer „Republik Flandern“ verkörpert, übt sich auch am Montag in Bescheidenheit. Als eine Fernsehreporterin den Wahlsieger Bart De Wever befragt, antwortet er ruhig, es gehe jetzt vor allem um Vertrauen zwischen den Sprachgruppen. Dabei hätte der 39 Jahre alte, korpulente Politiker aus Antwerpen allen Grund, sich unverhohlen zu freuen. Knapp 28 Prozent – mehr als jeder vierte Wähler – haben im niederländischsprachigen Flandern für seine separatistisch ausgerichtete „Neue Flämische Allianz“ (N-VA) gestimmt. Mit 27 von 150 Sitzen im Parlament ist sie sogar stärker als die französischsprachigen Sozialisten, die in Südbelgien kräftig dazu gewannen und 26 statt bisher 20 Abgeordnete stellen. Dennoch wiederholt De Wever, was er zuletzt nicht ausgeschlossen hat: dass mit dem Sozialistenchef Elio Di Rupo erstmals seit 1973 wieder ein Wallone Regierungschef werden könnte. Ihm gehe es in der Politik um Inhalte, nicht um die Karriere, versichert De Wever.

          Es ist die gleiche Sachlichkeit, die De Wever auch am Vorabend pflegt, als er sich im Lokal „Claridge“ den jubelnden Anhängern zeigt. Er reckt die Arme in die Höhe, formt zwei Finger zu einem „V“, das für das englische „Victory“ (Sieg), jetzt aber wohl auch für „Vlaanderen“ (Flandern) steht. Was De Wever dann sagt, dürfte freilich nicht nach dem Geschmack aller Zuhörer sein: „Wir dürfen feiern, aber wir müssen auch verstehen, dass 70 Prozent der Flamen nicht für uns gestimmt haben. Wir müssen daher auch in dem Bewusstsein leben, dass wir Brücken bauen müssen, mit Flamen und Französischsprachigen.“

          Zweiter Wahlsieger mit Ambitionen auf das Amt des Regierungschefs: Der Sozialist Elio di Rupo

          Das klingt gar nicht so anders als einen Kilometer Luftlinie entfernt. In der Parteizentrale der französischsprachigen Sozialisten hat Spitzenkandidat Di Rupo, anders als 2007, sein breitestes Lächeln aufgesetzt. Mehr als 37 Prozent, acht Prozentpunkte mehr als damals, hat seine Partei erzielt. Rechnet man die 13 Abgeordneten der flämischen Schwesterpartei hinzu, ist die sozialistische „Parteienfamilie“ zudem erstmals seit langem wieder die größte im Land. Das stärkt das Selbstbewusstsein, zumal der überzeugte Fliegenträger Di Rupo, der inzwischen recht gut Niederländisch spricht, keinen Hehl aus seinen Ambitionen auf das Amt des Regierungschefs macht.

          Im Wahlkampf hat er sich – anders als die bürgerliche Konkurrenz – bemüht, den Sprachenstreit nicht anzufachen. Jetzt spricht Di Rupo von einem „starken Signal“ der flämischen Wähler und von Verhandlungen: „Die französischsprachigen Abgeordneten müssen einen Schritt auf die Abgeordneten aus dem Norden zugehen“ – und umgekehrt. In der akuten Wirtschaftskrise erscheint es zwar unmöglich, seine sozialistische Programmatik mit dem auf eisernes Sparen ausgerichteten Kurs De Wevers zu versöhnen. Dennoch gilt eine Regierung unter Beteiligung der beiden Wahlsieger als wahrscheinlich. Wer auch immer der neuen Regierung angehören wird – sie muss sich in der entscheidenden Frage der weiteren Stärkung der Regionen, für die eine Verfassungsänderung erforderlich wäre, auf eine Zweidrittelmehrheit stützen.

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