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Parlamentswahl in Afghanistan : Mehrere Tote bei Anschlägen auf Wahllokale

  • Aktualisiert am

In Herat öffneten die Wahllokale wie geplant Bild: REUTERS

Begleitet von einer Serie von Raketenangriffen der aufständischen Taliban haben die Afghanen ein neues Parlament gewählt. Im Norden des Landes wurden bei Anschlägen sieben Sicherheitskräfte getötet. Das offizielle Endergebnis wird erst für Ende Oktober erwartet.

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          Trotz einer Serie von Raketenangriffen und Gewaltdrohungen der aufständischen Taliban haben am Samstag in Afghanistan die Parlamentswahl stattgefunden. In vielen Wahllokalen gaben Männer in traditionellen Gewändern und Frauen in Burkas ihre Stimme ab. Nach amtlichen Angaben schlugen in Kabul sowie den Städten Ghasni, Gardes und Dschalalabad im Osten, Kandahar und Nimros im Süden ein.

          Bei einem weiteren Taliban-Angriff m Norden Afghanistans wurden sieben einheimische Sicherheitskräfte getötet. Wie die Polizei am Samstag mitteilte, kamen bei dem Anschlag in der Nähe eines Wahllokals in der Provinz Baghlan ein Soldat und sechs Angehörige einer regierungstreuen Miliz ums Leben. Fünf weitere Menschen seien verletzt worden. Die Region gehört zum Einsatzgebiet der Bundeswehr.

          Mit den Raketenangriffen wollen die Taliban die Bevölkerung warnen und sie dazu bringen, nicht an der Wahl teilzunehmen. Sie hatten zuvor erklärt, wer sich an der Wahl beteilige, müsse mit Angriffen rechnen. Insgesamt waren am Samstag mehr als 10,5 Millionen Afghanen aufgerufen, zum zweiten Mal seit dem Ende der Taliban-Herrschaft im Jahr 2001 die Zusammensetzung der Volksvertretung neu zu bestimmen. Zur Überwachung des Votums waren 300.000 Wahlbeobachter im Einsatz. Bei der Wahl bewarben sich rund 2.500 Kandidaten um 249 Sitze im Parlament. Das offizielle Endergebnis wird erst für den 31. Oktober erwartet.

          Präsident Karzai gab seine Stimme in einer Oberschule in der Hauptstadt ab
          Präsident Karzai gab seine Stimme in einer Oberschule in der Hauptstadt ab : Bild: dpa

          Die Wahlbeteiligung ist sehr unterschiedlich

          Die Explosionen in Wahlzentren in Kabul, Dschalalabad und der östlichen Prtovinz Chost verzögerten die Öffnung der Wahllokale, es wurde aber niemand verletzt. Viele Wahllokale öffneten allerdings ohne Zwischenfälle. Manche, wie im Bezirk Surch Rud in der Provinz Nangarhar, wurden von bewaffneten Taliban an der Öffnung gehindert. Ein Anwohner namens Kassim sagte, gegen Mittag seien Soldaten der Nato und der afghanischen Streitkräfte eingetroffen und hätten die Taliban zum Rückzug gezwungen. Das Wahllokal sei dann geöffnet worden.

          Der Leiter der afghanischen Wahlkommission IEC, Fasel Ahmed Manawi, bezeichnete die Wahlbeteiligung als „sehr gut“. Allerdings blieben wegen der Sicherheitslage offenbar mehr Wahllokale geschlossen als befürchtet. Vor einer Moschee in Kabul, die als Wahllokal diente, warteten am Morgen rund 100 Männer darauf, ihre Stimme abzugeben. Anderswo in der Hauptstadt waren nur eine Handvoll Wähler in den Wahllokalen zu sehen. Die Raketenangriffe in Ghasni schreckten offenbar viele Wähler davon ab, zur Wahl zu gehen. Ein Sprecher der gleichnamigen Provinz sagte, die ersten Wähler seien erst am späten Vormittag gekommen. Vor einer Grundschule in Kabul warteten rund 20 Männer eine Stunde vor Öffnung des Wahllokals auf ihre Stimmabgabe. „Ich bin gekommen, weil ich Wohlstand und Stabilität für Afghanistan will“, sagte der 50 Jahre alte Mohammed Husman, ein Angestellter im Öffentlichen Dienst. „Ich mache mir Sorgen wegen Betrugs und der Sicherheitslage. Ich hoffe, meine Stimme geht an die Person, die ich gewählt habe.“

          Einen Tag zuvor hatte Präsident Hamid Karzai die Bevölkerung aufgerufen, sich ungeachtet der Drohungen der Taliban an der Wahl zu beteiligen. Er gab seine Stimme am Samstag in einer Oberschule in der Hauptstadt ab. Die Wahl sei sehr wichtig, sagte Karzai am Freitag vor Journalisten. Er hoffe, dass jeder daran mitwirke. Karzai erklärte weiter, die Taliban sollten ihrem Land dienen und an der Wahl teilnehmen, Afghanistan aufbauen und zu Stabilität beitragen. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden landesweit verstärkt. Bei der Präsidentenwahl im vergangenen Jahr lag die Wahlbeteiligung bei nur knapp 30 Prozent.

          Petraeus: Wir sind auf Gewalt vorbereitet

          Der amerikanische General David Petraeus (57), Kommandeur der internationalen Schutztruppe Isaf, hat bei den heutigen Parlamentswahlen in Afghanistan „definitiv mit Anschlägen“ gerechnet. Das sagte er der Bild-Zeitung. „Ohne Zweifel werden die Extremisten versuchen, die Wahlen ins Visier zu nehmen. Wir wissen das mit Sicherheit, weil wir einige ihrer Pläne aufgedeckt und durchkreuzt haben. Innerhalb von 24 Stunden haben wir acht Terroristen festgenommen, die Attacken am Wahltag planten. Und auch schon der letzte Wahltag vor einem Jahr wurde von Gewalt überschattet wie kaum je ein Tag hier zuvor. Wir sind also darauf vorbereitet.“

          Trotzdem glaube er, dass die Parlamentswahlen „ein Fortschritt“ gegenüber den von Betrugsvorwürfen dominierten Präsidentschaftswahlen sein würden. „Wir glauben, dass diese Wahl deutlich besser laufen wird als die letzte“, sagte Petraeus. „Die Orte der Wahllokale wurden 30 Tage vor der Wahl bekannt gegeben, viel früher als beim letzten Mal. Damals wurden noch kurz vor dem Wahltag neue Lokale eröffnet - und genau dort wurden dann die Stimmen gefälscht.“ Damit auch Frauen ungehindert zur Wahl gehen können, „wurden über 7000 Helferinnen angeheuert, um Wählerinnen vor den Wahllokalen zu durchsuchen“, so Petraeus. „Die Proben sind gut gelaufen, wir haben schlüssige Sicherheitspläne.“

          Die Bundeswehr teilte unterdessen mit, dass sie abermals in der nordafghanischen Provinz Kunduz zum Ziel eines Angriffs geworden sei. Deutsche Soldaten seien am Samstag rund elf Kilometer nordwestlich des Feldlagers beschossen worden. Die Truppen hätten das Feuer erwidert. Soldaten seien nicht zu Schaden gekommen. Die Bundeswehr teilte weiter mit, im Bereich des Feldlagers seien am Samstag sieben Raketen eingeschlagen. Das Camp selber sei nicht getroffen worden. Eine Rakete sei in der Nähe des Flughafens Kunduz detoniert. Bei keinem der Einschläge seien Soldaten verwundet worden. Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos sagte, bei Gefechten in der an Kunduz angrenzenden Provinz Baghlan unterstütze die Bundeswehr afghanische Sicherheitskräfte. Deutsche Soldaten seien bei den Kämpfen nicht zu Schaden gekommen.

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