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Mord an Jüdin : Schweigemarsch in Paris als Wiedergutmachung

Eine Demonstrantin trägt am Mittwoch in Paris in Erinnerung an eine ermordete Holocaust-Überlebende ein Schild mit der Aufschrift „Ich bin Jüdin“. Bild: AP

Noch im April hatte ein antisemitisches Verbrechen kaum öffentliche Reaktionen hervorgerufen. Nach der Ermordung einer Holocaust-Überlebenden zogen jetzt Tausende Franzosen durch die Straßen. Ärger gab es um die Teilnahme von zwei Politikern.

          Einige trugen weiße Rosen, andere hielten Fotos in der Hand, die meisten gingen einfach schweigend durch die Straßen: Nach dem Mord an der greisen Jüdin Mireille Knoll mitten in Paris haben Tausende Franzosen gegen jegliche Form des Antisemitismus protestiert. Die Menschenmenge zog sich am Mittwochabend vom Platz der Nation bis zu dem Sozialwohnungsbau im XI. Arrondissement, in dem die invalide Frau zusammen mit einer Krankenpflegerin lebte. Auch in Marseille, Lyon und Straßburg gab es Solidaritätskundgebungen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Schweigemarsch in Paris ähnelte einer nationalen Wiedergutmachungsaktion, nachdem im vergangenen April ein antisemitisch motiviertes Verbrechen an der jüdischen Rentnerin Sarah Halimi in Paris zunächst verschwiegen worden war und dann kaum öffentliche Reaktionen hervorgerufen hatte. Dieses Mal hatten nicht nur der Dachverband der jüdischen Organisationen Crif, sondern auch die französische Bischofskonferenz und alle im Parlament vertretenden Parteien zu der Teilnahme an dem Schweigemarsch aufgerufen. Präsident Emmanuel Macron kam zwar nicht zum Schweigemarsch, nahm aber in aller Diskretion an der Beerdigung Mireille Knolls auf dem Friedhof von Bagneux teil, wie die Presse hinterher erfuhr.

          In seiner Rede in den Invaliden zur Würdigung des Offiziers Arnaud Beltrame, der bei dem Terroranschlag bei Carcassonne getötet wurde, hatte Macron den Mord an Mireille Knoll angesprochen. „Sie wurde ermordet, weil sie Jüdin war“, beklagte der Präsident, „sie ist Opfer desselben barbarischen Obskurantismus wie Arnaud Beltrame“.  Der Großrabbiner Frankreichs, Haim Korsia, sagte: „Was die Nazis nicht geschafft haben, das machen Ganoven jetzt mit ebenso großem Hass.“ Knoll war als Kind nur knapp der Deportation in ein Vernichtungslager entkommen.

          Ihre Teilnahme am Schweigemarsch sorgte für Ärger: Marine Le Pen am Mittwoch in Paris

          Zwei Tatverdächtige sind inzwischen in Untersuchungshaft. Einer der mutmaßlichen Täter soll „Allahu Akbar“ gebrüllt haben, als er mit einem Messer auf die bettlägerige Frau losging. Ihre Leiche war mit elf Messerstichen übersät und teils verkohlt. Die Täter entzündeten an mehreren Stellen in der Wohnung Feuer, offensichtlich, um ihr Opfer unkenntlich zu machen.

          Einer der mutmaßlichen Täter wuchs im gleichen Sozialwohnungsbau wie Mireille Knoll auf. Er war wegen eines Sexualverbrechens gerade erst aus der Haft entlassen worden. Die Ermittler suchen nach Indizien, ob er während des Gefängnisaufenthalts einen Racheakt an seiner jüdischen Nachbarin ausgeheckt haben könnte. Der andere mutmaßliche Täter sagte aus, sie hätten Geld bei der jüdischen Nachbarin vermutet, „denn Juden sind reich“.

          Der vom Respekt für die Opfer des Antisemitismus geprägte Schweigemarsch wurde nur durch die beiden ehemaligen Präsidentschaftskandidaten, Marine Le Pen (Front National) und Jean-Luc Mélenchon (Das unbeugsame Frankreich) gestört. Es kam zu Buhrufen, Pfiffen und einem Handgemenge, als Le Pen sich dem Zug anschließen wollte. „Wir kämpfen seit Jahren gegen den Antisemitismus, deshalb haben wir unseren Platz hier“, sagte die Vorsitzende des Front National (FN) in die Kameras.

          Dabei verschwieg sie, dass ihr Kampf sich nur gegen eine bestimmte Form des Antisemitismus richtet. Tatsächlich prangert sie seit Jahren den Judenhass an, der in der entwurzelten Einwanderungsjugend prosperiert. Doch zugleich bedient Le Pen, etwa wenn sie den „Rothschild-Banker“ Macron als Büttel des internationalen Finanzkapitals charakterisiert, gerade in ihrer Partei fest verankerte antisemitische Stereotype. Das war auch der Grund, warum der Crif-Vorsitzende Francis Kalifat sich dagegen ausgesprochen hatte, Le Pen sowie Mélenchon zu dem Schweigemarsch einzuladen.

          In der Linkspartei Mélenchons überwiegt ein radikaler Antizionismus, die Israel-Kritik artet dabei oftmals in eine pauschale Verurteilung aller Juden aus. Doch Kalifat erntete auch viel Schelte für seine Forderung, Le Pen und Mélenchon auszuschließen. „Der Crif-Vorsitzende macht Politik, ich öffne allen mein Herz“, sagte der Sohn der Ermordeten, Daniel Knoll. Le Pen wie auch Mélenchon verließen den Demonstrationszug nach kurzer Zeit wieder.

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