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Ausschreitungen in Paris : Tage des Zorns

78 Prozent der Befragten aus den unteren und mittleren Einkommensklassen gaben an, dass sie eine Fortsetzung der Proteste gegen die Ökosteuer auf Treibstoff wünschen. Insgesamt sprachen sich 66 Prozent der Befragten für fortgesetzte Demonstrationen aus. Die „Gelbwesten“ wurden von 81 Prozent als „volkstümlich“ und von 77 Prozent als „tapfer“ beschrieben. 78 Prozent waren der Auffassung, dass sie sich für das Gemeinwohl starkmachten. 62 Prozent der Befragten lehnten es ab, sie als gewalttätig zu bezeichnen. Letzteres deutet darauf hin, dass ein Großteil der Franzosen die Verteufelungsstrategie des Innenministers Christophe Castaner nicht akzeptiert.

Es wurde bekannt, dass sich rechtsextreme Gruppen in Paris verabredet hatten. Diese erfahrenen Randalierer kamen mit Spitzhacken ausgerüstet auf die Champs-Elysées, um Pflastersteine rauszureißen. Viele von ihnen waren vermummt und hatten Skibrillen dabei, um sich vor dem Tränengas der Polizei zu schützen. Sie scheinen zu den Gruppen zu gehören, die hinter dem sogenannten „Tag der Wut“ standen, der am 26. Januar 2014 in Paris organisiert wurde.

Schon damals artete die Demonstration in Gewalt und Zerstörung aus. Die Zahl der Verletzten blieb am Samstag mit 24 relativ niedrig im Vergleich zu den mehr als 500 Verletzten und zwei Toten bei den Demonstrationen am Samstag vor einer Woche. Damals waren nach offiziellen Angaben 282.000 Menschen auf die Straße gegangen. Der Innenminister teilte mit, dass 106.301 Demonstranten am Samstag gezählt wurden. Die Zahlen sind umstritten.

Macron sucht nach Mittlern

Der 52 Jahre alte Castaner, der nach langem Zögern Macrons zum Innenminister ernannt wurde, nutzte die Ausschreitungen zu einer Abrechnung mit Marine Le Pen. Noch als Sozialist hatte der Spitzenkandidat Castaner bei den Regionalwahlen 2015 eine empfindliche Niederlage gegen den von der Le-Pen-Nichte Marion Maréchal geführten Front National einstecken müssen.

In der Region Provence-Alpes-Côte D’Azur kam Castaner nur auf 16,6 Prozent der Stimmen, während Maréchal Le Pen 40,6 Prozent der Stimmen erhielt. Im zweiten Wahlgang wurde ein Sieg des Front National nur verhindert, weil Castaner seine Liste zurückzog – seither sitzen im Regionalparlament der Mittelmeerregion keine Sozialisten mehr.

Der Innenminister behauptete jetzt, Marine Le Pen habe die Menschen zu den Protesten auf den Champs-Elysées geradezu angestachelt, weil sie in einer Twitternachricht das Demonstrationsverbot hinterfragt hatte. Die Angegriffene erhielt ungewohnte Rückendeckung von ihrer Nichte, die sich aus der Politik eigentlich zurückgezogen hat. „Ich fand Christophe Castaner schon als Gegner bei den Regionalwahlen ziemlich jämmerlich, aber er ist es noch mehr als Innenminister“, twitterte sie. Die 28 Jahre alte Frau, die zuvor fünf Jahre als Abgeordnete gewirkt hatte, steht einer privaten politischen Kaderschmiede in Lyon vor. Es wird immer häufiger darüber spekuliert, dass sie als Führungsfigur die Rechte einigen könnte.

Macron aber versucht mühsam, jene Mittler wiederzufinden, die er für seine Energiepolitik braucht. So will er nach Informationen des „Journal du Dimanche“ einen „Hohen Klimarat“ mit Vertretern der Zivilgesellschaft einberufen. Diese sollen den Franzosen klarmachen, dass die Ökosteuer auf Treibstoff keine Idee des „Präsidenten der Reichen“, sondern eine Notwendigkeit für den Klimaschutz ist.

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