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Nach Messe in Moçambique : Arsenpillen für den Heiligen Vater

Kritik von ganz oben: Franziskus bei der „fliegenden Pressekonferenz“ Bild: AP

Auf dem Rückflug aus Afrika warnt der Papst Europa vor den Folgen zunehmender Ausländerfeindlichkeit und geht mit seinen Kritikern hart ins Gericht.

          Papst Franziskus sorgt sich. Vor allem wegen populistischer Ausländerfeindlichkeit und angesichts der Folgen des Klimawandels. Bei der üblichen „fliegenden Pressekonferenz“ während der Rückreise von seinem knapp einwöchigen Besuch dreier südostafrikanischer Staaten standen am Dienstagnachmittag diese beiden Themen, die dem Papst besonders am Herzen liegen, abermals im Mittelpunkt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Daneben ging es aber auch um die scharfe Kritik, die konservative Katholiken, zumal aus den Vereinigten Staaten, an Franziskus’ Pontifikat üben. Ob er eine Spaltung der katholischen Kirche in Amerika fürchte, wurde der Papst von einem mitreisenden Journalisten aus den Vereinigten Staaten gefragt. Franziskus antwortete: „Ich habe keine Angst vor Schismen. Aber ich bete, dass es nicht dazu kommen möge, denn das geistliche Heil von so vielen Menschen steht auf dem Spiel.“ Deshalb bete er außerdem, dass sich am Ende der Dialog durchsetzen möge und nicht der Wille zur Spaltung. Denn ein Schisma sei „immer eine elitäre Abkehr“, die durch „eine von der kirchlichen Lehre losgelöste Ideologie verursacht“ werde, sagte der Papst.

          Auf der Welle des politischen Populismus

          Die Ausländerfeindlichkeit nannte der Papst eine „Krankheit wie Masern“, die sich vor allem in Europa verbreite. Ausdrücklich erinnerte Franziskus bei der Pressekonferenz im Flugzeug an ein Interview, das er Mitte August der italienischen Tageszeitung „La Stampa“ gegeben hatte. Darin hatte sich der Papst entsetzt gezeigt, „weil man heute Reden hört, die denen von Hitler 1934 ähneln: ,Wir zuerst. Wir, wir wir ...‘“ Dies sei „ein Denken, das Angst macht“, hatte der Papst der Zeitung gegenüber geäußert. Auf dem Flug von Madagaskar nach Rom fügte Franziskus nun hinzu, die Krankheit der Ausländerfeindlichkeit sickere „in ein Land ein und sodann in den gesamten Kontinent, und dann bauen wir Mauern“. Oft reite die Fremdenfeindlichkeit „auf der Welle des politischen Populismus“.

          Auch zu den Ursachen des Geburtenrückgangs in vielen Ländern Europas äußerte sich der Papst: Es liege vor allem am Wohlstand. Junge Menschen wollten sich „eine Villa kaufen oder auf Reisen gehen“. Sie wollten ihren Wohlstand wahren und mehren und deshalb nicht „das Risiko Kind“ eingehen. So entstehe ein Wohlstand, „der alt macht“. Umgekehrt hatte Franziskus im Januar 2015 auf dem Rückflug von den Philippinen die Katholiken ermahnt, sich nicht „wie die Karnickel“ zu vermehren, nur um den Geboten der Kirche mit Blick auf Verhütung und Ehezweck zu folgen. Bei den seinerzeit ebenfalls extemporierten Äußerungen gab Franziskus an, „drei Kinder pro Paar“ seien nach Ansicht von Bevölkerungswissenschaftlern das rechte Maß: So könne ein gesundes Wachstum der Bevölkerung erreicht werden, ohne in die Extreme von (europäischer) Überalterung und (asiatisch-afrikanischer) Bevölkerungsexplosion zu verfallen.

          Tief betroffen zeigte sich der Papst im Flugzeug wegen der Gletscherschmelze und des Rückgangs des Eises an den Polkappen. Beim Betrachten eines Fotos einer eisfreien Schiffsroute am Nordpol habe er „Angst verspürt“, sagte Franziskus. Den „größten Kampf“ für Umweltschutz und Artenvielfalt müssten junge Menschen führen. „Sie haben das klare Bewusstsein: Es ist unsere Zukunft“, sagte der Papst. Franziskus zeigte sich außerdem besorgt wegen der Verschmutzung der Meere durch Plastikmüll und der Abholzung von Ur- und Regenwäldern. Die ausgedehnten bewaldeten Naturräume in Südamerika und Zentralafrika seien die „großen Lungen“ der Welt.

          Während seiner Reise nach Moçambique, Madagaskar und Mauritius hatte Franziskus immer wieder den Schutz der natürlichen Ressourcen angemahnt. Im Vatikan werden derzeit die letzten Vorbereitungen getroffen für die internationale Bischofssynode zum Amazonasgebiet vom 6. bis zum 27. Oktober. Dabei wird es aber nicht nur – vielleicht nicht einmal in erster Linie – um Umweltfragen gehen, sondern auch und vor allem um die Frage der Zulassung verheirateter Männer zum Priesteramt. In beispielloser Ausführlichkeit nahm Franziskus zur Kritik konservativer Kleriker an seinem Pontifikat Stellung. Grundsätzlich begrüße er Einwände als Anlass zu Selbstkritik, freilich müsse der Widerspruch offen und konstruktiv sein, sagte der Papst. Mit Blick auf seine schärfsten Kritiker, die ihn sogar der Häresie zeihen, sagte Franziskus: „Sie lächeln dich breit an, und dann stoßen sie dir den Dolch in den Rücken. Das ist nicht fair, das ist nicht menschlich.“ Kritik, die „wie eine Arsenpille“ verabreicht werde, sei nicht hilfreich und ziele einzig darauf ab, die Spaltung zu vertiefen, sagte Franziskus: „Kritik üben, ohne in einen Dialog zu treten, ist keine Liebe zur Kirche, sondern bedeutet, eine fixe Idee zu verfolgen: den Papst auszuwechseln oder ein Schisma herbeizuführen.“ Alle Schismatiker hätten etwas gemeinsam, sagte der Papst: „Sie trennen sich vom Volk, vom Glauben des Volkes Gottes.“

          Schon auf dem Hinflug nach Afrika am 4. September hatte sich Franziskus kampfeslustig gezeigt. Ohne den amerikanischen Kardinal Raymond Burke, seinen vielleicht schärfsten konservativen Kritiker in der Kurie, mit Namen zu nennen, sagte der Papst, für ihn sei es „eine Ehre, wenn die Amerikaner mich angreifen“. Und über den deutschen Kardinal Gerhard Ludwig Müller, auch er ein konservativer Kritiker des Papsts, den Franziskus 2017 von der Spitze der Glaubenskongregation entfernte, äußerte er: „Er hat gute Absichten, er ist ein guter Mann. Aber er ist wie ein Kind.“

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