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Trotz Freispruchs : Papst nimmt Barbarins Rücktrittsgesuch an

Kardinal Philippe Barbarin im Januar in Lyon Bild: AFP

Kardinal Philippe Barbarin war im Januar vom Vorwurf freigesprochen worden, sexuellen Missbrauch vertuscht zu haben. Eine Rückkehr auf seinen Posten als Erzbischof von Lyon sah er selbst als nicht sinnvoll an.

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          Die Entscheidung kam überraschend und für vatikanische Verhältnisse sogar recht schnell: Papst Franziskus hat am Freitag das Rücktrittsgesuch von Kardinal Philippe Barbarin als Erzbischof von Lyon angenommen. Der 69 Jahre alte Barbarin war Ende Januar nach jahrelangen Rechtsstreitigkeiten von einem Lyoner Berufungsgericht in letzter Instanz von dem Vorwurf freigesprochen worden, er habe es versäumt, sexuellen Missbrauch durch einen Geistlichen in seinem Zuständigkeitsbereich anzuzeigen. Der Kardinal war im März 2019 in erster Instanz schuldig gesprochen und zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt worden.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Nach der Gerichtsentscheidung vom 30. Januar hatte Barbarin mitgeteilt, er wolle ungeachtet des Freispruchs sein Amt als Erzbischof „in die Hände des Papstes“ legen und habe deshalb Franziskus seinen Rücktritt angeboten. Aus dem Vatikan hieß es seinerzeit, Papst Franziskus habe die „schmerzliche Angelegenheit“ aufmerksam und verfolgt und werde seine Entscheidung zum Rücktrittsangebot Barbarins „zu gegebener Zeit“ mitteilen.

          Dass die „gegebene Zeit“ schon nach kaum sechs Wochen erreicht sein und Franziskus den Rücktritt Barbarins nun doch annehmen würde, dürfte manchen Vatikan-Beobachter überrascht haben. In einer von der Erzdiözese Lyon am Freitag verbreiteten Videobotschaft teilte Barbarin mit, die vergangenen vier Jahre seien „sehr schmerzhaft“ für ihn gewesen. Es sei gut, dass er nun „eine neue Seite aufschlagen“ könne.

          Nach der Verurteilung in erster Instanz hatte sich Barbarin aus der Öffentlichkeit und von seinem Bischofsamt zurückgezogen. Die Leitung der Erzdiözese bis zum Abschluss des Berufungsverfahrens übertrug der Papst im Juni übergangsweise dem 77 Jahre alten früheren Bischof von Evry-Corbeille-Essonnes, Michel Dubost. Barbarin hatte schon im Januar durchblicken lassen, dass er trotz seines Freispruchs eine Rückkehr an die Spitze der Erzdiözese Lyon weder für möglich noch für sinnvoll halte.

          Barbarin war 18 Jahre lang Erzbischof von Lyon. Mit dem Amt ist der seit 1079 bestehende historische Ehrentitel des „Primas von Gallien“ als höchstem Würdenträger der katholischen Kirche Frankreichs verbunden. 1998 war Barbarin zum Bischof von Moulins in Zentralfrankreich ernannt worden. 2002 trat er im Alter von nur 51 Jahren die Nachfolge des verstorbenen Kardinals Louis-Marie Bille als Erzbischof von Lyon an. 2003 wurde Barbarin ins Kardinalskollegium aufgenommen, dem er als wahlberechtigtes Mitglied bei einem möglichen kommenden Konklave auch weiter angehört.

          Ein „Missionsposten“ auf Madagaskar?

          Die französischen Strafverfolgungsbehörden hatten Barbarin und anderen Bischöfen vorgeworfen, Missbrauchsvorwürfe gegen den ehemaligen Priester Bernard Preynat nicht verfolgt zu haben. Dieser soll in den achtziger Jahren Dutzende Kinder sexuell belästigt und missbraucht haben. Preynat wurde von einem Kirchengericht im Juli 2019 in den Laienstand zurückversetzt. Während des aufsehenerregenden Verfahrens vor einem zivilen Strafgericht gegen ihn gestand Preynat im Januar zahlreiche Übergriffe und erklärte seine Untaten mit dem Missbrauch, den er als Seminarist selbst durch einen Priester erlitten habe. Im März soll das Urteil gegen ihn verkündet werden. Die Staatsanwaltschaft fordert acht Jahre Gefängnis.

          Der endgültige Abschied Barbarins vom höchsten Kirchenamt Frankreichs bedeutet einen tiefen Einschnitt für die katholische Kirche Frankreichs. Barbarin hat in einem Gespräch mit dem Wochenmagazin „Le Point“ jüngst angedeutet, er könne sich eine Zukunft als Wallfahrtspriester, als Prediger bei geistlichen Exerzitien oder als Seelsorger in Madagaskar vorstellen. Auf Madagaskar war Barbarin schon in den achtziger Jahren tätig gewesen, nach seiner Priesterweihe von 1977 und einigen Dienstjahren in Pariser Vorortgemeinden. Ob Franziskus den einstigen höchsten Würdenträger Frankreichs wieder auf die ostafrikanische Insel auf eine Art Missionsposten schicken wird, bleibt abzuwarten.

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