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Papst und Gendertheorie : Seid fruchtbar und mehret euch

Gegen die natürliche Ordnung: Papst Franziskus kritisiert die Gendertheorie. Bild: AP

Papst Franziskus kritisiert französische Schulbücher. Die darin gelehrte Gendertheorie empfindet das katholische Oberhaupt als hinterlistige Indoktrinierung. Doch Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem wehrt sich gegen die ungewöhnlich harten Worte.

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          Die Worte waren ungewöhnlich heftig, mit denen die französische Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem die Kritik des Papstes am französischen Schulwesen zurückgewiesen hat. Papst Franziskus hatte auf der Rückreise aus dem Kaukasus gesagt, in französischen Schulbüchern werde eine „hinterlistige Indoktrinierung mit der Gendertheorie“ betrieben. Vallaud-Belkacem sagte nun, diese Äußerung mache sie „sehr wütend“. Die Worte des Papstes seien „leichtfertig und unbegründet“. Das Oberhaupt der katholischen Kirche sei dem „lügnerischen Wahn“ reaktionärer Gruppen aufgesessen, mutmaßte die 39 Jahre alte Ministerin. „Der Papst ist Opfer einer Desinformationskampagne, die von reaktionären Kreisen geführt wird“, sagte Vallaud-Belkacem im Radiosender France Inter. Sie lud Franziskus zu einem Besuch in Frankreich ein, „um Lehrer zu treffen und Schulbücher durchzublättern“. „Die Gendertheorie existiert nicht“, behauptete sie.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Das klang aus ihrem Mund ziemlich heuchlerisch. Als Frauenrechtsministerin (2012–2014) hatte sie wiederholt dafür plädiert, Gender Studies nach amerikanischem Vorbild in Frankreich zu verbreiten. Anfang 2014 scheiterte sie mit dem Versuch, eine sogenannte „Egalitätsfibel“ an allen öffentlichen Grundschulen einzuführen. Das Schulbuch mit dem Titel „ABCD de l’Egalité“ wurde nach einem Experiment im Herbst und Winter 2013 an 275 Grundschulen zurückgezogen. Nicht nur katholische Eltern protestierten dagegen, dass in der Fibel die Rolle der Familie entwertet werde. Widerstand kam auch aus dem ansonsten eher unpolitischen Milieu der Migrantenfamilien. Diese befürchteten, dass Lehrer es sich zum Ziel setzten, homosexuelle Neigungen bei ihren Kindern zu wecken und das Bild von Mutter und Vater zu beschädigen. Die Filmemacherin Farida Belghoul, eine rechtskonservative Intellektuelle algerischer Herkunft, forderte dazu auf, aus Protest gegen die Egalitätsfibel Kinder einen Tag pro Monat nicht in den Unterricht zu schicken. Dieser Aufruf zum „Journée de Retrait de l’Ecole“ fand damals ein großes Echo. Vor diesem überraschenden Bündnis traditioneller katholischer Familien mit überwiegend muslimischen Neubürgern schreckte die Linksregierung letztendlich zurück. Auch ein Biologiebuch mit dem Kapitel „Frau oder Mann werden“ wurde nach Protesten aus den Klassenzimmern entfernt.

          Das Thema Gendertheorie nährt aber weiterhin Misstrauen gegen die Regierung. So haben sich mehrere Elternverbände gebildet. „VigiGender“ steht der Bewegung gegen die Homo-Ehe „Manif pour tous“ nahe und tritt bei den bevorstehenden nationalen Elternvertreterwahlen am 10. Oktober an vielen öffentlichen Schulen mit eigenen Kandidaten an. Farida Belghoul hat eine „Nationale Föderation der engagierten und tapferen Eltern“ (Fapec) gegründet, die ebenfalls Kandidaten ins Rennen schickt. In Schulbezirken mit hohem Anteil von Kindern mit Einwanderungshintergrund ist die Fapec besonders stark präsent.

          Neue Runde im Kulturkampf

          Die Äußerungen des Papstes könnten nun eine neue Runde im schwelenden Kulturkampf einläuten. Interessant ist dabei, dass es den Parteien der rechten Opposition bislang nicht gelungen ist, die Ängste in der Bevölkerung zu kanalisieren. Präsident François Hollande konnte fast unwidersprochen einen Großteil der steuerlichen Förderung der Familien abbauen. Keiner der Kandidaten bei den Vorwahlen der Republikaner verspricht die Rücknahme des Gesetzes über die Homo-Ehe. Dabei hatte die Einführung der sogenannten „Ehe für alle“ gezeigt, wie zerrissen die französische Gesellschaft ist. Die Gegner, die monatelang Massenproteste organisierten, waren längst nicht alle von homophoben Motiven geleitet. Viele sahen in der Gleichsetzung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der Ehe einen Angriff auf die Familie als Keimzelle der Gesellschaft. Justizministerin Christiane Taubira pries die Homo-Ehe als „Reform der Zivilisation“ an. Gegen diesen von der Linken oktroyierten Zivilisationswandel aber regt sich weiterhin Widerstand.

          Die Bewegung „Manif pour tous“ meldet sich am 16. Oktober mit einer Großdemonstration in Paris zurück. „Wir müssen den Präsidenten und die Regierung daran erinnern, dass die Familie die Keimzelle unserer Gesellschaft und das Herz unserer persönlichen und kollektiven Identität ist“, sagte Ludovine de La Rochère, die Vorsitzende der „Manif pour tous“. Die Bürgerbewegung will sich rechtzeitig vor den Präsidentenwahlen im nächsten Frühjahr wieder Gehör verschaffen. La Rochère sieht ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. So hat Präsident Hollande homosexuellen Lobbygruppen versprochen, Ärzte nicht mehr strafrechtlich zu belangen, die ihre lesbischen Patientinnen zu Reproduktionsmedizinern ins Ausland schicken. Bislang können in Frankreich nur heterosexuelle Paare die Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen, aber diese Vorschrift wird immer mehr ausgehöhlt. Die „Manif pour tous“ will verhindern, dass in Frankreich ein Markt für die „Ware Kind“ entsteht.

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