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Papst in Brasilien : Freilauf für Franziskus

  • -Aktualisiert am

Rio am Sonntag: Papst Franziskus segnet eine Brasilianerin. Bild: AP

Der Papst hat die Rückkehr auf seinen Heimatkontinent sichtlich genossen. Er ist auch dabei, den alten Bruch mit der südamerikanischen Theologie der Befreiung zu heilen.

          Aufmerksam hat die Kurie die Reise des argentinischen Papstes zum Weltjugendtag im brasilianischen Rio de Janeiro verfolgt. Selten habe man Franziskus seit seiner Wahl im März so glücklich gesehen und so sichtbar in Harmonie mit sich und seiner Umgebung, stellte ein Prälat fest. „Unter den Menschen in Rio fühlte er sich unter Seinesgleichen, wechselte in dem Portugiesisch sprechenden Land - soweit es ging - in seine spanische Muttersprache und erreichte die südamerikanische Seele, die Bischöfe und - einige - Politiker genauso wie die Jugend aus aller Welt.“ Dagegen erscheine der Papst in Rom oft fremd, resümierte der Prälat. Als Franziskus in der Masse der Jugendlichen einmal davon sprach, dass er sich „wie in einem Käfig“ fühle und gerade jetzt „ihnen gerne noch näher“ kommen würde, kritisierte er damit die Sicherheitsvorkehrungen. Aber in Rom verstanden viele, der Papst sehe sich in seinem Amt wie im Käfig.

          Schon die Bilder zeigten den Unterschied. Auch in Rom haben die Bischöfe mittlerweile die golden Brustkreuze gegen silberne oder eiserne eingetauscht und sich Franziskus’ „Ästhetik der Bescheidenheit“ angepasst, wie kürzlich der Chef der Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, dieser Zeitung sagte. Aber auf den römischen Altären prunkt weiter das Gold und herrscht eine strengere Liturgie. Da kann offenbar die unbekümmerte Herzlichkeit von Franziskus nicht so direkt in die Massen ausstrahlen. Beim Weltjugendtag fiel die Liturgie jedenfalls schlichter aus. Dabei gebe der Papst weniger dem jugendlichen Geschmack nach, heißt es. Ihm selbst gefielen Gospel, das brasilianische Samba-Musikinstrument Chocalho oder Streichorchester mit Beethoven mehr als gregorianische Gesänge; lebende Sprachen mehr als Latein. Die Zeitung „Il Foglio“ stellte fest, der Papst wolle eine futuristische Kirche, in der „Pop und Heiliger Geist“ nicht Gegensätze seien, sondern beieinander wie die „zwei Seelen in seiner eigenen Brust“.

          Rund 3,2 Millionen Menschen kamen nach offiziellen Angaben zum Abschlussgottesdienst des Weltjugendtages. Bilderstrecke

          Vor Jahrzehnten begeisterte Papst Johannes Paul II. in seiner polnischen Heimat, als er bei der Schwarzen Madonna von Czestochowa die Messe las. Dem damaligen Papst gelang es, in Polen gesellschaftliche Unterschiede zu überwinden und die Volkskirche zu stärken. Papst Benedikt XVI. hingegen schaffte es nicht, die deutschen Katholiken und ihre Bischöfe vor einem Marienbild zu einen. In Deutschland fehlt dazu nicht nur der nationale Wallfahrtsort - Benedikt vertiefte durch seine konservative Theologie und dem Ruf nach einer Entweltlichung der Kirche den Graben zwischen Rom und seiner Heimat. Franziskus hat dagegen keine Probleme mit Entweltlichung; er lebt sie vor und kann die südamerikanischen Nationen vor der Aparecida bei São Paulo vereinen, jene von drei Fischern rätselhaft aus dem Wasser geborgene, für „unsere Liebe erschienene“ Marienstatue.

          Eigentlich sollten die Fischer im Jahre 1717 für das Mahl hoher Herren die Netze reichlich füllen; stattdessen zogen sie zunächst eine Tonstatue der Gottesmutter aus dem Wasser; dann erst füllten sich die Netze mit Fisch. Franziskus sagte den Bischöfen: Die Fischer „bekleideten die geheimnisvoll beim Fischfang gefundene Jungfrau, als friere sie und müsse gewärmt werden. Gott bittet, dass wir ihm an unserem wärmsten Ort Unterschlupf gewähren: im Herzen. Danach ist er es, der die Wärme ausströmt, derer wir bedürfen, doch zuvor kommt er mit der List des Bettlers herein“. Jetzt wissen die Römer, dass Franziskus an die Aparecida denkt, wenn er in Rom von Zärtlichkeit und Liebe, offenen Türen und Herzen spricht.

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