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Flüchtlingskrise : Papst Franziskus und sein Kampf gegen „verhärtete Herzen“

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Der ökumenische Patriarch von Konstantinopel Bartholomäus wird Papst Franziskus auf seiner Reise ins Aufnahmelager Moria auf Lesbos begleiten. Bild: dpa

Wie vor 2000 Jahren, als die meisten der Kreuzigung Jesu ungerührt zusahen – so begreift Papst Franziskus die heutige Welt. Kommende Woche will er zu Flüchtlingen nach Lesbos reisen.

          Mit einem Besuch der Flüchtlinge im Aufnahmelager Moria auf der griechischen Insel Lesbos will Papst Franziskus in der kommenden Woche sein Mitgefühl mit den Leidenden und seine Kritik an den „verhärteten Herzen“ in Europa bekunden. Noch hat der Vatikan den Termin nicht bestätigt, wohl aber die Planung der Reise.

          Die Regierung in Athen hat die Besuchsankündigung bereits begrüßt. Das spirituelle Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche, der ökumenische Patriarch von Konstantinopel Bartholomäus, hat seine Begleitung zugesagt. Die Visite des Papstes hat sich länger angekündigt; nicht zuletzt, seit Metropolit Gavril, der für Griechenlands Orthodoxie das Flüchtlingswesen betreut, am 21. März vom Papst empfangen worden war.

          In seiner eigenen Kirche hat der Papst, selbst Emigrantenkind, das Schicksal der Flüchtlinge zur Chefsache erklärt. So führte seine erste Reise 2013 zur Insel Lampedusa, nachdem mehrere hundert Flüchtlinge vor diesem Eiland im Mittelmeer ertrunken waren. Schon damals hatte Franziskus die Gleichgültigkeit der Menschen gegeißelt. Am jüngsten Gründonnerstag wusch der Papst Flüchtlingen die Füße. Später hieß es, der Papst hoffe, dieser bischöfliche Liebesdienst, der jedem Menschen und nicht nur Katholiken gelten müsse, werde in der gesamten Kirche Aufmerksamkeit finden – auch in Polen, wo sich die Bischöfe nach Meinung des Vatikans nicht genug dafür einsetzen, dass auch Warschau Flüchtlinge aufnimmt.

          Wie vor 2000 Jahren

          Franziskus sieht in jedem Flüchtling den Einzelnen, für den der „Nächste“ Verantwortung übernehmen muss. Doch leider sei die Welt heute nicht anders als vor 2000 Jahren, als die meisten der Kreuzigung Jesu ungerührt zusahen, sagte der Papst am Palmsonntag: Mit Blick auf die Passion Christi „denke ich an die Ausgegrenzten und Flüchtlinge, für die so viele keine Verantwortung übernehmen wollen“.

          Beim Neujahrsempfang des diplomatischen Korps hatte sich der Papst ähnlich geäußert und „moralische Verantwortung“ für jene eingefordert, die ihre Heimat verlassen, um ein besseres Leben zu suchen. Europa habe die Mittel, um diese Flüchtlinge willkommen zu heißen, ohne seine Sicherheit oder Kultur aufs Spiel zu setzen.

          Die Kirche kritisiert die Vereinbarung der EU mit der Türkei. So sagte der Chef des Migrantenrates, Kardinal Antonio Maria Vegliò gegenüber Radio Vatikan, Flüchtlinge seien keine Verhandlungsmasse, sondern jeder einzelne habe sein eigenes Schicksal. Die Türkei sei kein Beispiel für Liberalität und Demokratie. Oliviero Forti vom italienischen Verband der Wohlfahrtsorganisation Caritas sagte Radio Vatikan, einerseits lasse man die Türkei wegen der Situation der Menschenrechte und mithin aus gutem Grund nicht in die EU. „Wenn es aber darum geht, Flüchtlinge, die aus der Türkei kommen, dorthin zurückzuschicken, dann soll diese Sorge plötzlich null und nichtig sein?“

          Roberto Zuccolini, Sprecher der katholischen Laiengemeinschaft Sant`Egidio, kritisierte gegenüber dieser Zeitung, dass nun offenbar zwischen Syrern auf der einen und den Pakistanern und Afghanen auf der anderen Seite unterschieden werde, denen in der Regel kein Asylrecht mehr zugestanden werde. Dabei wisse man, dass auch sie nicht aus friedlichen Ländern kämen.

          Zuccolini warb für „humanitäre Korridore“, wie einer bereits von Sant`Egidio und Italiens evangelischen Kirchen gemeinsam mit dem italienischen Staat organisiert wird. „Wir konnten auf unsere eigenen Kosten bisher nur 150 Personen aus Flüchtlingslagern im Libanon sicher nach Italien bringen; wie viel mehr könnten die EU-Staaten leisten?“, fragte Zuccolini.

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