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Wunschnachfolger des Papstes? : Ein Kardinal verkündet seine eigene Entlassung

Franziskus’ Wunschnachfolger? Der Papst und Kardinal Luis Tagle im Januar 2015 in Manila Bild: AP

Luis Tagle gilt manchen in Rom als Franziskus’ Wunschnachfolger für das Papstamt. Jetzt hat Franziskus den Kardinal als Präsidenten des internationalen Caritas-Dachverbandes entlassen – wohl auch wegen Mobbingvorwürfen.

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          Ein Kardinal verliest seine eigene Entlassungsurkunde, noch dazu vor einem internationalen Publikum. Eine derart demütigende Szene kommt im Vatikan nicht alle Tage vor. Und es war nicht irgendein Kardinal, den Papst Franziskus verkünden ließ, dass ein italienischer Unternehmensberater übergangsweise dessen Posten übernimmt. Es war ausgerechnet Luis Tagle. Er gilt in Rom manchen als Franziskus’ Wunschnachfolger für das Papstamt. Zumindest die Leitung der internationalen Dachorganisation der Caritasverbände traut Franziskus dem Kardinal von den Philippinen jedoch offensichtlich nicht mehr zu.

          Thomas Jansen
          Redakteur in der Politik.

          In einem Handstreich entließ der Papst Tagle als Präsident von Caritas Internationalis samt der kompletten Führungsriege. Die Delegierten der mehr als 160 karitativen Organisationen, die in dem Verband zusammengeschlossen sind, wurden in der vergangenen Woche in Rom völlig überrascht von dieser Mitteilung Tagles. Er steht seit 2015 an der Spitze – ohne dass es bislang ein vernehmbares Murren über seine Amtsführung gegeben hätte. Niemand konnte sich einen Reim auf die Entscheidung des Papstes machen.

          Tagle: Weder Missbrauch noch finanzielle Unregelmäßigkeiten

          Weil Tagle ahnte, welchen Verdacht die päpstliche Intervention unweigerlich hervorrufen würde, versuchte er, vorzubeugen: Die Entlassungen hätten nichts mit sexuellem Missbrauch oder finanziellen Unregelmäßigkeiten zu tun, versicherte er gleich mehrmals – ohne allerdings klar zu sagen, womit sie zu tun haben.

          Der Vatikan äußerte sich nur verklausuliert. Es habe eine Untersuchung gegeben, die vor allem dem Arbeitsumfeld im Generalsekretariat von Caritas Internationalis und dessen „Übereinstimmung mit den katholischen Werten der Menschenwürde und der Achtung vor jedem Menschen“ gegolten habe, hieß es in einer Mitteilung. Dabei seien „ernstzunehmende Mängel im Management und in den Verfahren“ festgestellt worden, „die den Teamgeist und die Moral der Mitarbeiter ernsthaft beeinträchtigen“.

          Das ist Vatikanisch und heißt auf Deutsch so viel wie: Der Vatikan hat Mobbingvorwürfe untersuchen lassen – und diese wurden offenbar bestätigt. Unklar blieb jedoch vorerst, warum der Papst gleich die gesamte Führungsriege entlassen hat und nicht nur den Generalsekretär, der das operative Geschäft der Zentrale leitet.

          Am Freitag wurde dann deutlich, dass der Papst offenbar auch unzufrieden mit der Arbeit der Dachorganisation ist. Der kommissarische Leiter von Caritas Internationalis kündigte bis Mai 2023 eine grundlegende Reform der Zentrale an. Dabei gehe es um eine effektivere Unterstützung der Mitgliedsorganisationen angesichts von humanitären Krisen wie der Corona-Pandemie, dem Ukrainekrieg, aber auch den Auswirkungen des Klimawandels und Hungersnöten, sagte der Unternehmensberater Pier Francesco Pinelli.

          Sein Hauptamt behält Tagle

          Wie das konkret aussehen soll, blieb vorerst offen. Die Mittel sind jedenfalls bescheiden. Caritas Internationalis, das der vatikanischen Behörde für Entwicklungshilfe zugeordnet ist, hat ein Jahresbudget zwischen vier und fünf Millionen Euro, in der römischen Zentrale arbeiten kaum mehr als eine Handvoll Angestellte.

          Als Präsident von Caritas Internationalis musste Tagle gehen. Sein Hauptamt als Leiter der vatikanischen Behörde für die Kirchen in Afrika und Asien behält er jedoch. Franziskus hatte den damaligen Erzbischof von Manila 2019 für diese Aufgabe eigens nach Rom geholt. Allerdings hat der Papst auch in Tagles vatikanischer Behörde vor gut einem Jahr eine Untersuchung veranlasst. Die Gründe sind derzeit ebenso unbekannt wie das Ergebnis.

          In Rom heißt es, der 65 Jahre alte Kardinal sei zwar ein begnadeter Seelsorger, ihm mangele es aber an Durchsetzungsvermögen. Mehr noch als die Frage, wie es künftig mit der internationalen Caritas weitergeht, beschäftigt die römischen Auguren allerdings, ob Tagle die ihm zugeschriebene Kronprinzenrolle bei Franziskus nach dem Caritas-Debakel eingebüßt hat.

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