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Papst-Schreiben zur Familie : Wie’s Euch gefällt

Mit dem Schreiben „Amoris Laetitia“ (Freude der Liebe) zieht Papst Franziskus einen Schlussstrich unter den Diskussionsprozess über die Sexualmoral. Bild: AFP

Es war ein gewaltiger Fortschritt, dass Papst Franziskus das Thema Ehe und Familie in das Zentrum eines für die Kirche beispiellosen Reflexionsprozesses stellte. Doch die langfristigen Folgen seines Kurses sind nicht vorhersehbar. Ein Kommentar.

          Seit dem Schicksalsjahr 1968 muss sich die Autorität der katholischen Kirche in Fragen des guten und gelingenden Lebens in Ehe und Familie daran messen lassen, wie sie es mit der „verantworteten Elternschaft“ hält. Sie selbst hat es mit dem kategorischen Verbot jeder Form sogenannter künstlicher Empfängnisverhütung so gewollt – bis dahin, dass bis heute niemand Bischof werden soll, der in diesen Fragen andere Ansichten vertritt als die Päpste seit Paul VI.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          So betrachtet war es ein gewaltiger Fortschritt, dass Papst Franziskus schon bald nach seiner Wahl das Thema Ehe und Familie in das Zentrum eines in der Geschichte der Kirche einmaligen Reflexionsprozesses stellte, der alle Ebenen von den Gemeinden bis zu dem Kardinalskollegium erfassen sollte. Die Enttabuisierung vieler Themen, die mit diesem zwei Jahre währenden Prozess einherging, ist ebenso beispiellos wie die unorthodoxe, von Franziskus selbst kultivierte Haltung des „Wer bin ich, dass ich jemanden verurteilen sollte“.

          Doch wie das Mantra „Barmherzigkeit“ für die katholische Hierarchie so ungewohnt ist und im Inneren so viel Widerstand provoziert wie seinerzeit Glasnost und Perestrojka in der Sowjetunion, so wenig vorhersehbar sind die mittel- und langfristigen Folgen des Kurses, den der Papst vom Ende der Welt seiner Kirche weist.

          Da sind zum einen manch selbstkritische Eingeständnisse wie das einer falschen Idealisierung der Ehe, zum anderen lenkt der Papst den Blick ausgiebig auf die vielen zerstörerischen Kräfte, die weltweit auf die Familien einwirken. Nachgerade wohltuend ist, dass viele Gedanken, die der Papst in seinem Schreiben „Die Freude der Liebe“ auf fast 200 Seiten zusammenträgt, das Nachdenken wie das Gespräch anregen und dadurch der Gewissensbildung dienen sollen.

          Auch so kann man die Kompetenz des Lehramts verwirken

          Doch wie sich Spannungen zwischen den unveränderten Positionen des Lehramtes in Sachen Empfängnisverhütung und dem persönlichen, gewissenhaft gebildeten Urteil der Gläubigen im Konfliktfall auflösen lassen, weiß anscheinend nicht einmal der Papst. Jedenfalls hat Franziskus darüber kein Wort verloren. Sein Geheimnis bleibt auch, wie es um die „Einheit von Lehre und Praxis“ weltweit steht, wenn die einen Bischöfe den Sakramentenempfang nach Wiederheirat für möglich halten und andere vehement widersprechen.

          Auch so kann man nach der Autorität die Kompetenz des Lehramtes verwirken. Doch darauf setzen zumindest in den westlichen Gesellschaften längst weniger ihre Hoffnung als damals die Gefangenen des Sowjetimperialismus auf Gorbatschows Ideen von Offenheit und Umgestaltung.

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