https://www.faz.net/-gpf-9dp0k

Papst Franziskus in Irland : Die Skandale reisen mit

Papst Franziskus nach einem Besuch bei Premierminister Leo Varadkar Bild: dpa

Die katholische Kirche in Irland ist gespalten. Konservative beklagen eine „schleichende Akzeptanz“ von Homosexualität – und sehen in ihr gar eine Ursache der Missbrauchsfälle. Kirchenkritiker boykottieren den Papst-Besuch.

          4 Min.

          Volles Haus bei James Martin. Bis auf den letzten Platz ist der Saal gefüllt. Der prominente Jesuitenpriester aus Manhattan spricht am Freitagabend beim neunten katholischen Weltfamilientreffen in Dublin. Sein Thema: „Wie wir die LGBT-Gemeinschaft und ihre Familien in unseren Gemeinden willkommen heißen“. Am Ende gibt es stehende Ovationen. Mit seinem kritischen Vortrag über die faktische Ächtung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender durch die katholische Kirche hätte Martin, ständiger Mitarbeiter und Kommentator der jesuitischen Wochenzeitung „America“, locker den größten Saal in dem altehrwürdigen Gemäuer der „Royal Dublin Society“ füllen können. Doch der ist heute den eher langweiligen Reden von Kardinälen und Bischöfen vorbehalten.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Aber nicht alle Katholiken, die am Weltfamilientreffen teilnehmen, sind von Martins Forderung nach Respekt für die LGBT-Gemeinschaft in der katholischen Weltkirche so begeistert wie die Zuhörer in dem überfüllten Saal von Dublin. Konservative Gruppen hatten im Vorfeld protestiert, manche hatten verlangt, Martin auszuladen. Doch Kardinal Kevin Farrell, im Vatikan als Präfekt des Dikasteriums für Laien, Familie und Leben zuständig für die Organisation der Weltfamilientreffen, hielt an der Einladung fest.

          „Say Nope to the Pope“

          Rund 37.000 Dauerteilnehmer haben zwischen Dienstag und Sonntag an den zahlreichen Veranstaltungen in Dublin teilgenommen. Zum Abschluss der Weltfamilientreffen, die seit 1997 alle drei Jahre stattfinden, kommt traditionell der Papst, und so ist Franziskus am Samstagmorgen in Irland eingetroffen. Präsident Michael Higgins empfing ihn sogleich in seinem Amtssitz, obwohl es sich bei der Visite von nur 32 Stunden Dauer gar nicht um einen Staatsbesuch handelte. Aber weil Irland, noch immer und trotz allem, ein katholisches Land ist, ist jeder Papstbesuch hier faktisch ein Staatsbesuch. Als erster Papst überhaupt hatte Johannes Paul II. 1979 die Grüne Insel besucht. Zur seiner Freiluftmesse kamen damals 1,3 Millionen Gläubige in den Phoenix Park von Dublin. Jeder zweite Ire sah damals den Papst persönlich – bei Messen, bei Begegnungen mit Jugendlichen, bei der Fahrt mit dem Papamobil. Der damals 59 Jahre alte polnische Papst war voller Energie und Charisma, repräsentierte eine Kirche im Aufbruch.

          Auf der Straße entlädt sich die Wut.
          Auf der Straße entlädt sich die Wut. : Bild: dpa

          Knapp vier Jahrzehnte später kommt jetzt zum zweiten Mal ein Papst ins einst „katholischste Land Europas“. Er stammt aus dem fernen Argentinien, ist 81 Jahre alt und scheint schon beim mühsamen Herabsteigen aus seinem Flugzeug die Tonnenlast immer neuer Missbrauchsskandale – zuletzt in Pennsylvania in den Vereinigten Staaten – auf seinen gebeugten Schultern zu tragen. Es steht fest, dass das Kirchenoberhaupt in Irland auch Missbrauchsopfer treffen wird, auch wenn dieser Programmpunkt mit Verweis auf die Privatsphäre der Betroffenen auf dem offiziellen Reiseplan fehlt.

          Am Samstag ist es so weit: Der Papst trifft acht Missbrauchsopfer, darunter das ehemalige Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission, Marie Collins. Sie war vergangenes Jahr nach eigenen Angaben aus Frustration über mangelnde Kooperation der vatikanischen Behörden aus dem Gremium ausgetreten. Die Begegnung hat laut Vatikan-Sprecher Greg Burke eineinhalb Stunden gedauert. Weitere Details wurden nicht bekannt.

          Als der Papst am Samstagmorgen ankommt, strahlt prächtig die Sonne. Es weht eine kräftige Brise. Bei der Fahrt vom Flughafen durch Dublin zum Präsidentenpalast Áras an Uachtaráin sind die Straßen allerdings nur spärlich von winkenden Menschen gesäumt. Kirchenkritische Organisationen wie „Say Nope to the Pope“ haben zum Boykott des Besuches aufgerufen. Sie werfen Bischöfen, Kardinälen und auch dem Papst selbst vor, sich zwar hin und wieder für die Missbrauchsvorfälle entschuldigt, aber keine personellen Konsequenzen in der Spitze der Kirchenhierarchie gezogen zu haben. Kritiker des Besuchs sollen sich massenhaft kostenlose Tickets für die Messe im Phoenix Park an diesem Sonntag beschafft haben – mit dem Ziel, diese verfallen zu lassen, damit möglichst viele der rund 500.000 Sitze leer bleiben.

          „Wie Leprakranke behandelt“

          Nach der Höflichkeitsvisite beim Präsidenten trifft der Papst Premierminister Leo Varadkar, den politischen Führer des heutigen Irlands, wo nicht mehr – wie noch 1979 – gut 90 Prozent der Menschen jede Woche zur Messe gehen, sondern nur noch 30 Prozent. An diesem Punkt nun schließt sich der Ring zum Jesuitenpriester James Martin und zu dessen Plädoyer für die LGBT-Gemeinschaft. Ministerpräsident Varadkar, im Jahr des Papstbesuchs von 1979 als Sohn eines hinduistischen Inders und einer katholischen Irin in Dublin geboren, katholisch getauft und in katholischen Schulen ausgebildet, ist offen schwul. Für die Mehrheit der Wähler Irlands – und damit für die Mehrheit der Katholiken Irlands – ist das heute kein Problem mehr. Sonst hätte Varadkar von der liberal-konservativen Partei Fine Gael in diesem Land keine so steile politische Karriere hinlegen können.

          Im Mai 2015 hatten die Iren in einem Referendum über die Zulassung gleichgeschlechtlichen Ehen abgestimmt, und Varadkar hatte sich damals gerade vier Monate vorher geoutet. Hoffentlich, sagte er damals, werde er zusammen mit seinem Partner bald die gleichen Rechte haben wie heterosexuelle Ehepaare. Die Hoffnung erfüllte sich: 62 Prozent der irischen Wähler, von denen sich heute immerhin noch 78 Prozent zum katholischen Glauben bekennen, stimmten für die Zulassung der Schwulen- und Lesbenehe. Im Mai dieses Jahres äußerten dann sogar 66 Prozent der Iren in einer Volksabstimmung ihre Zustimmung zur Legalisierung der Abtreibung. Varadkar war einer der entschiedensten Kämpfer gegen das bis dahin gültige absolute Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen. Das Verbot war in der Verfassung festgeschrieben und galt selbst bei Vergewaltigung, lebensunfähigen Föten und bei Gefahr für das Leben der Mutter. Bevor der Ministerpräsident sich am Wochenende mit dem Papst traf, sagte Varadkar, er werde ihn auch auf Missbrauch und Misshandlungen in der Kirche, auf die Rechte von Schwulen und Lesben sowie auf die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs ansprechen.

          So redet keiner, der sich noch vor dem Bannfluch kirchlicher Autoritäten fürchtet. Und offenbar fürchtet auch Jesuitenpriester James Martin keine Maßregelung von „ganz oben“ – schließlich ist Papst Franziskus ja auch Jesuit und hat Martin zudem als Berater ins Dikasterium für Kommunikation im Vatikan berufen. Der sagt, Menschen aus den LBGT-Gemeinschaft würden von der Kirche „wie Leprakranke“ behandelt, und er beklagte die „tiefen Wunden“, die der Ausschluss, die Verhöhnung und Verdammung durch die Kirche bei dieser Minderheit schlügen. „Dabei sind diese Menschen ebenso Teil der Kirche wie Papst Franziskus, der örtliche Bischof, der Priester oder jede andere“, sagte Martin. Es könne deshalb nicht darum gehen, „sie zu Katholiken zu machen – denn das sind sie längst“.

          Doch für eine sachliche aktuelle Debatte über Homosexualität ist in der katholischen Kirche angesichts der nicht abreißenden Missbrauchsskandale von Irland über die Vereinigten Staaten bis Chile nur wenig Raum. Konservative Kreise und Gegner von Papst Franziskus sehen gerade in der „schleichenden Akzeptanz“ von Homosexualität, wie sie James Martin vertrete, die Ursache für den systemischen Missbrauch in der Kirche – und eben nicht in dem Umstand, dass Priester, Bischöfe und auch Kardinäle ihre Machtposition nur deshalb ausnutzen konnten, weil sie keine ernsthaften Konsequenzen für ihren Machtmissbrauch fürchten mussten.

          Weitere Themen

          Chinas Präsident Xi warnt vor „neuem Kalten Krieg“ Video-Seite öffnen

          Digitale Ansprache : Chinas Präsident Xi warnt vor „neuem Kalten Krieg“

          Chinas Präsident Xi Jinping hat Spitzen von Politik und Wirtschaft vor einem „neuem Kalten Krieg“ gewarnt. Eine solche Konfrontation werde „in einer Sackgasse“ enden, sagte Xi in einer digital übertragenen Ansprache an die Teilnehmer des diesjährigen Weltwirtschaftsforums.

          Topmeldungen

          Ob er gerade spielt? Ramelow im Juli 2020 im Thüringer Landtag

          PR-Profis auf Clubhouse : Besser als „Bodo“

          Clubhouse gilt als Trend-App und hat in Deutschland nun das erste PR-Desaster verursacht. Wie verhält man sich richtig in den virtuellen Quasselrunden? Wie aktiv sind die PR-Agenturen schon? Und lohnt es sich, dabei zu sein?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.