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Nach Missbrauchsskandal : Verspätete Glaubwürdigkeit

„Dass du schwul bist, spielt keine Rolle“, waren die Worte des Papstes zu Missbrauchsopfer Juan Carlos Cruz (l). Nun will Papst Franziskus weitere Missbrauchsopfer aus Chile empfangen. Bild: AP

Anfang Juni wird Papst Franziskus weitere Missbrauchsopfer aus Chile empfangen. Die fünf Geistlichen aus dem Umkreis des verurteilten Priesters Fernando Karadima wurden in die Casa Santa Marta eingeladen.

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          Vom 1. bis zum 3. Juni wird es im Vatikan eine weitere Folge persönlicher Treffen von Papst Franziskus mit Missbrauchsopfern aus Chile geben. Die Gespräche dürften nach dem gleichen Muster verlaufen wie jene mit einer Gruppe von drei Opfern Ende April. Die jetzt im Vatikan erwarteten fünf Priester, die in ihrer Kindheit und Jugend Opfer sexueller Übergriffe wurden – wohl ebenfalls durch den heute 87 Jahre alten Pater Fernando Karadima aus Santiago, der 2011 von einem Vatikangericht als Serientäter verurteilt worden war –, werden als persönliche Gäste von Franziskus im Gästehaus Santa Maria untergebracht. Dort wohnt auch der Papst selbst. Begleitet werden die Opfer, die sich trotz des Missbrauchs durch einen als charismatisch beschriebenen Kirchenmann für das Priesteramt entschieden haben, von vier weiteren Personen, darunter zwei Geistliche.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Ende April hatte sich der Papst viel Zeit für Einzel- und später Gruppengespräche mit den drei Missbrauchsopfern genommen, unter ihnen Juan Carlos Cruz, der informelle Sprecher der zahlreichen chilenischen Opfer. In einer Mitteilung des Vatikans heißt es, die Gespräche des Papstes mit fünf weiteren Opfern des „Missbrauchssystems“ in der chilenischen Kirche seien abermals ein Zeichen der Solidarität des Heiligen Vaters mit den Missbrauchten. Zugleich wolle Franziskus im Erfahrungsaustausch weitere Erkenntnisse gewinnen, wie solche Verbrechen in der Kirche künftig verhindert werden können.

          Dass der Vatikan selbst den Missbrauch in der chilenischen Kirche als systemisches Problem beschreibt, ist bezeichnend. Dazu passt die Meldung vom Mittwoch, wonach in der Diözese Rancagua südlich von Santiago 14 Priester suspendiert worden seien. Die Priester hätten sich Taten zu Schulden kommen lassen, die von der staatlichen wie von der kirchlichen Gerichtsbarkeit geahndet werden müssten, hieß es. Nach chilenischen Medienberichten hätten sich die Priester zu einem dubiosen Bund namens „La Familia“ zusammengeschlossen und sich selbst als Oma oder Enkel, Tante oder Onkel bezeichnet. Diözesanbischof Alejandro Goic Karmelic entschuldigte sich dafür, dass er nicht sofort Konsequenzen gezogen habe, als ihm die Vorwürfe erstmals zur Kenntnis gebracht worden seien; er habe geglaubt, es handele sich um einen Scherz, sagte der Bischof und fügte hinzu: „Ich bitte in diesem Fall um Vergebung für meine Taten.“

          „Dass du schwul bist, spielt keine Rolle“

          Das neuerliche „Mea culpa“ steht vor dem Hintergrund des Rücktritts aller 34chilenischen Bischöfe, die Papst Franziskus wegen des Missbrauchsskandals Mitte Mai zum Rapport in den Vatikan bestellt hatte. Gleich zu Beginn des Treffens hatte der Papst der versammelten Bischofskonferenz ein Schreiben übergeben, in welchem er von ihnen nicht nur die Amtsenthebung notorischer Vertuscher von Missbrauchsfällen, sondern tiefergreifende Konsequenzen forderte. Im Januar hatte sich Franziskus bei seinem Besuch in Chile auf die Seite des inkriminierten Bischofs Juan Barros gestellt, hatte sogar Missbrauchsopfer als Verleumder verhöhnt – und dafür viel Kritik geerntet. Jetzt statuiert er im Fall Chile ein Exempel, mit welchem er der selbstproklamierten Null-Toleranz-Politik verspätete Glaubwürdigkeit geben will. Noch hat der Papst nicht entschieden, welche der Bischöfe er aus ihrem Amt entfernen und welche er auf ihren Posten belassen wird. Bis zu einer Entscheidung des Vatikans bleiben alle Bischöfe in ihren Ämtern.

          Unterdessen sorgte die Mitteilung des Missbrauchsopfers Cruz gegenüber der spanischen Tageszeitung „El País“ über sein Gespräch mit dem Papst für eine neuerliche Belebung der Debatte über den Umgang mit Homosexuellen in der katholischen Kirche. Cruz bejaht in dem Interview die Abschlussfrage des Reporters, ob er mit Franziskus auch über seine eigene Homosexualität gesprochen habe, und gibt die Aussage des Papstes wie folgt wieder: „Juan Carlos, dass du schwul bist, spielt keine Rolle. Gott hat dich so geschaffen, und er will, dass du so bist. Auch der Papst will, dass du so bist, und du solltest darüber glücklich sein, wer du bist.“

          Mit den einschlägigen Feststellungen des katholischen Katechismus, wonach „homosexuelle Handlungen in sich nicht in Ordnung“ sind, gegen „das natürliche Gesetz“ verstoßen und „in keinem Fall zu billigen“ sind, lassen sich die angeblichen Aussagen des Papstes nicht vollständig in Übereinstimmung bringen. Wie üblich bei indirekt wiedergegebenen Äußerungen des Heiligen Vaters wollte der Vatikan deren Authentizität nicht bestätigen.

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