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Papst trifft Orbán : Der Traum einer brüderlichen Gesellschaft

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán und Papst Franziskus am Sonntag in Budapest Bild: dpa

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán verbreitet, er habe Papst Franziskus gebeten, das christliche Ungarn nicht untergehen zu lassen. Der warnte bei seinem Besuch vor einer „starren Verteidigung unserer sogenannten Identität“.

          3 Min.

          Papst Franziskus hat zum Auftakt seiner viertägigen „Pilgerreise ins Herz Europas“ in Ungarn zum Brückenbau zwischen den Religionen und zur Offenheit gegenüber den „Dürstenden von heute“ aufgerufen. Vor mehr als 100.000 Gläubigen und Pilgern auf dem Budapester Heldenplatz und entlang der Andrássy út zelebrierte der Papst am Sonntagmittag die Messe zum Abschluss des 52. Eucharistischen Weltkongresses.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Am Nachmittag reiste Franziskus nach Bratislava (Pressburg) in die benachbarte Slowakei weiter, wo er bis Mittwoch neben der Hauptstadt an der Donau auch die Städte Košice (Kaschau) und Prešov im Osten sowie den Marien-Wallfahrtsort Šaštín-Stráže (Schoßberg-Strascha) im Nordwesten des Landes besuchen wird.

          Franziskus war unmittelbar nach seiner Ankunft am Morgen im Museum der Bildenden Künste am Heldenplatz mit der ungarischen Staats- und Regierungsführung zu einem privaten Treffen zusammengekommen. Die gut halbstündige Unterredung mit Präsident János Áder, Regierungschef Viktor Orbán und dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Zsolt Semjén verlief nach Mitteilung des Vatikans „in herzlicher Atmosphäre“.

          Bei dem Gespräch sei es unter anderem um die gemeinsame Verantwortung für den Umweltschutz sowie um den Schutz und die Förderung der Familie gegangen, teilte der Vatikan mit. Neben Franziskus nahmen an dem Gespräch Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin sowie der Außenbeauftragte des Vatikans Erzbischof Paul Gallagher teil.

          Papst Franziskus bei der Abschlussmesse des Eucharistischen Kongresses in Budapest am Sonntag
          Papst Franziskus bei der Abschlussmesse des Eucharistischen Kongresses in Budapest am Sonntag : Bild: dpa

          Ministerpräsident Orbán veröffentlichte auf seiner Facebook-Seite ein Foto von dem Treffen, versehen mit den Worten: „Ich habe Papst Franziskus gebeten, das christliche Ungarn nicht untergehen zu lassen.“ Von unabhängigen Medien wurde kritisiert, dass Orbán das Foto mit seinem persönlichen Logo für die Parlamentswahlen im kommenden Frühjahr versehen und damit das Treffen mit dem Papst für Wahlkampfzwecke missbraucht habe.

          Die nationalkonservative Regierung Orbáns vertritt explizit migrations- und auch islamfeindliche Positionen und steht damit im deutlichen Widerspruch zu den Forderungen des Papstes nach einer allgemeinen Willkommenskultur in Europa. Nach der Begegnung mit der politischen Führung kam der Papst zunächst mit den katholischen Bischöfen Ungarns und sodann mit Vertretern verschiedener christlicher Bekenntnisse sowie des Judentums zusammen.

          Angesichts der zahlreichen kulturellen, ethnischen, politischen und religiösen Unterschiede in Mitteleuropa gebe es zwei Haltungen, sagte der Papst den Bischöfen: „Entweder verschließen wir uns in einer starren Verteidigung unserer sogenannten Identität. Oder wir öffnen uns zur Begegnung mit dem Anderen und kultivieren gemeinsam den Traum einer brüderlichen Gesellschaft.“

          Kampf gegen Antisemitismus

          In seiner Ansprache vor Religionsvertretern forderte Franziskus einen entschlossenen Kampf gegen den Antisemitismus: „Das ist eine glimmende Lunte, die ausgetreten werden muss.“ In Europa und überall auf der Welt müsse dem schwelenden Judenhass die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und zur Brüderlichkeit entgegengesetzt werden.

          Anschließend ließ sich Franziskus im offenen Papamobil – einem umgebauten Dodge-Pickup – durch die Straßen um den Heldenplatz und vor allem über die Andrássy út fahren. Dabei ließ sich der Papst mehrfach Kleinkinder reichen, die er segnete und küsste, und winkte in sichtlich aufgeräumter Stimmung der Menge zu.

          Abschlussmesse des Eucharistischen Kongresses in Budapest mit Papst Franziskus am Sonntag
          Abschlussmesse des Eucharistischen Kongresses in Budapest mit Papst Franziskus am Sonntag : Bild: dpa

          Die Regierung in Budapest hatte für die Teilnahme am Eucharistischen Weltkongress vom 5. bis zum 12. September und für die Abschlussmesse bei spätsommerlichem Wetter fast alle pandemiebedingten Einschränkungen aufgehoben. Auch in seiner Predigt sowie in der Ansprache zum Ende der Messe bekräftigte Franziskus die Forderung nach Offenheit und Respekt für den Anderen. „Mein Wunsch ist, dass ihr zugleich gefestigt und offen, sowohl verwurzelt wie respektvoll sein möget“, sagte der Papst. Ungarn stehe treu zu seinen Wurzeln und habe seine christliche Identität über die Jahrhunderte verteidigt. Aber das Kreuz sei auch eine Aufforderung, die Arme auszubreiten statt sich zu verschanzen, sagte Franziskus.

          Der „ausschlaggebende Unterschied“ sei jener „zwischen dem wahren Gott und dem Götzen unseres Ichs“, sagte der Papst. Der Erlöser Jesus Christus, „der in Stille am Kreuz herrscht“, sei das genaue Gegenteil von jenem „falschen Gott, von dem wir uns wünschen, dass er mit Gewalt herrsche und unsere Feinde zum Schweigen bringe“.

          Papst Franziskus im „Papamobil“ auf dem Heldenplatz in Budapest am Sonntag
          Papst Franziskus im „Papamobil“ auf dem Heldenplatz in Budapest am Sonntag : Bild: dpa

          In seiner Ansprache zum Ende der Messe, an der auch Präsident Áder, Ministerpräsident Orbán und Vize-Regierungschef Semjén mit ihren Frauen teilnahmen, griff Kardinal Peter Erdö, Bischof der Erzdiözese Esztergom-Budapest, die Forderung des Papstes nach Dialog und Versöhnung auf. „Wir fühlen uns dazu berufen, Brücken zwischen Ost und West, zwischen verschiedenen kulturellen und religiösen Welten sowie zwischen verschiedenen Nationen zu schlagen“, sagte Erdö.

          Papst Franziskus verabschiedete sich seinerseits mit den ungarischen Worten „Isten, álld meg a magyart“ (Gott segne den Ungarn), dem ersten Vers der Nationalhymne, von den Gläubigen auf dem Heldenplatz. Die stimmten anschließend die Hymne an und verabschiedeten den Papst mit anhaltendem Beifall.

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